Berlinale 2016

Claudia Llosa über die Berlinale

tip: Was hat der Goldene Bär 2009 für Sie und Ihren Film bedeutet?
Claudia Llosa:
Die Berlinale 2009 war der alles entscheidende Wendepunkt für mich. Der Film verdankt seine internationale Karriere und Präsenz vor allem der enormen Ausstrahlung des Berliner Preises. In Peru hat die Auszeichnung nicht nur die Filmindustrie, sondern das gesamte Land begeistert. Dort kam die merkwürdige Erfahrung hinzu, dass ausgerechnet ein Film über einen schmerzlichen Abschnitt unserer Geschichte am Ende so viel Freude bereiten konnte. Seit die Berlinale den Stein ins Rollen brachte, gab es im Prinzip kein Halten mehr. Der Film kam in fast ganz Lateinamerika heraus, in vielen Ländern Europas, in den USA … Und ich selbst bekam plötzlich, sagen wir, einen Platz und einen Namen innerhalb des Weltkinos – was mir nicht zuletzt dabei geholfen hat, in diesen Krisenjahren über die Runden zu kommen.

tip: Was hat am Ende den größeren Auftrieb bedeutet – der Bär 2009 oder die Oscar-Nominierung 2010 als Bester Fremdsprachiger Film?
Claudia Llosa:
Die Oscar-Nominierung verdankt sich doch auch dem Berlinale-Bären! Peru hatte noch nie eine Nominierungskampagne angestrengt. Erst die internationale Anerkennung des Films hat das Land auf die Spur gesetzt. Der entscheidende Schub kam dann allerdings nicht von der peruanischen Film Commission – die hätte dafür gar nicht die Mittel gehabt. Die Kampagne wurde vom Tourismusministerium durchgezogen. Ohne Berlin wären die aber überhaupt nicht auf eine solche Idee gekommen. Parallel ist eine große Debatte über das peruanische Kino angerollt. Inzwischen steht ein neues Filmgesetz kurz vor der Verabschiedung. Auch das ist eine Folge unseres unglaublichen Erfolgs.

tip: Einen ersten kleinen Anschub gab die Berlinale dem Film ja bereits 2006 – mit einer Förderung des festivaleigenen World Cinema Funds. Laut Richtlinie fördert der WCF nur Projekte, die ohne ihn nicht entstehen könnten. Waren die 50.000 Euro aus Berlin wirklich so wichtig?
Claudia Llosa:
Der World Cinema Fund unterstützt Projekte im Werden – unser Film wurde vom Festival also bereits im embryonalen Zustand umsorgt. Und ja, das war wirklich eine entscheidende Zuwendung. Bei einem so unkonventionellen Stoff wie diesem hat es die folgende Finanzierung sehr erleichtert, dass wir schon zu Beginn eine so bedeutende Marke wie die Berlinale mit im Boot hatten. Ich finde das WCF-Profil großartig – schwierige, aber politisch oder sozial bedeutsame Projekte in Ländern mit einer schwachen Filmindustrie zu fördern. Diese Förderung ist wie die erste Gallone Benzin im Tank. Die reicht zum Durchstarten.

tip: Für Ihren ersten Film „Madeinusa“ haben Sie sich ein paar Elemente regionalen Brauchtums einfach ausgedacht. „Eine Perle Ewigkeit“ handelt von einer merkwürdigen Krankheit namens „Die erschrockene Brust“, die dazu führt, dass Kinder vergewaltigter Frauen ohne Seele geboren werden. Die Krankheit ist aber nicht ausgedacht, oder?
Claudia Llosa:
Nein – jedenfalls nicht von mir. Eine Krankheit dieses Namens existiert tatsächlich als Volksglaube in den peruanischen Anden. Sie „verbreitete“ sich besonders in der Zeit des Terrorismus, als Rebellen wie staatliche Einheiten furchtbare Racheaktionen an der Zivilbevölkerung durchführten. Es ist faszinierend, wie die Andenvölker mithilfe von Geschichten, Mythen und Traditionen das zum Ausdruck bringen, worunter sie leiden, wie sie es sich damit erklären und so auch eine Art inneren Heilungsprozess in Gang setzen können.

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