Berlinale 2016

„Crosscurrent“

Praktisch ausschließlich auf dem Jangtse spielt Yang Chaos elegischer Film, dem längsten Fluss Asiens, der in Shanghai ins Meer mündet. Dort beginnt auch die Reise von Gao Chun, junger Kapitän eines kleinen Frachtschiffes, der Stromaufwärts fährt, 6000 Kilometer quer durch China, vorbei an zahllosen modernen Millionenstädten, historischen Pagoden und Tempeln, durch das überaus umstrittene Staudammprojekt am Dreischluchtendamm, um schließlich im Hochland von Tibet an der Quelle des Jangtses zu enden. Auf der Reise liest er Gedichte aus einer vergilbten Sammlung, die er im Laderaum gefunden hat, Gedichte, die von der Liebe zu einer mysteriösen Frau handeln, der er im Lauf der Reise immer wieder begegnet, die er aber nie wirklich zu fassen bekommt.
Allein dies wäre schon elegisch genug, doch Yang Chao strebt nach mehr: Die ohnehin schon melancholische Atnmosphäre der langen, meditativen Bootsreise unterstreicht er mit atemberaubenden Aufnahmen vom Fluss und der wechselnden Landschaften, in denen man die ganze Vielfalt, aber auch die Zerrissenheit der jüngeren chinesischen Geschichte entdecken mag: Einerseits der wirtschaftliche Aufschwung, andererseits die damit verbundene Umweltzerstörung; die Ausrichtung nach den Mustern des westlichen Kapitalismus, die den buddhistischen und konfuzianischen Traditionen gegenübersteht. Am Ende eines außerordentlichen Films hat man zusammen mit Gao Chun die Quelle des Jangtses erreicht, eine lange Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch Zukunft Chinas, in jedem Fall ein eindrucksvolels Erlebnis.

Text: Michael Mayns

Foto: Yang Chao

Crosscurrent China 2016, 116 Minuten, Regie: Yang Chao, Darsteller: Qin Hao, Xin Zhi Lei

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