Berlinale 2016

Das Thema Familie auf der Berlinale 2011

Brownian Movement

Fremd im Hier und Jetzt: ob in Basel, Tokio oder in Brüssel. Wenn das Leben zu eng und die Menschen immer fremder werden, verwischen Eindrücke und Selbstwahrnehmung, gibt es Rohstoff für Experimente und Filme. Mit „Folge mir“ stürzt sich der 1963 in Basel geborene Johannes Hammel in den lähmenden Alltag einer Familie mit zwei Söhnen. Während sich letztere der Attacken sadistischer Lehrer erwehren, versinkt die Mutter in der Stille ihrer Träume und Ängste, ohne wirklich zu verstehen, was mit ihr passiert. Doch nicht nur sie entwickelt Angststörungen, auch ihr Mann dreht leise durch. Hammel hat die Familie den bleiernen 70er-Jahren ausgesetzt, in ein Haus am Basler Rheinhafen. Brillantes Schwarz-Weiß zeigt das Ballett der Kräne in einem winterlichen Industriegebiet. Bestechend, wie Hammel farbige Super-8-Filme aus der eigenen Kindheit in die mäandernde Fiktion flicht. Seine autobiografischen Erinnerungen vermitteln in „Folge mir“ plötzlich etwas Utopisches: Heiterkeit und Harmonie. Die Realität der fiktiven Familie hingegen bleibt grau und trübe, wer genau hinschaut, nähert sich in diesem eigenwilligen Balanceakt zwischen Traumwelt und Filmrealität der mütterlichen Wahrnehmung.
Folge mirStringenter erzählt, rückt „Household X“ in das ordentliche Heim einer japanischen Durchschnittsfamilie. Der Sohn geht eigene Wege, der Mann scheint mit der Arbeit verheiratet und die Frau putzt und ordnet und kocht. Als irgendwann keiner mehr zum Essen kommt, begreift die seit Langem schon verstummte Frau dies nicht als Befreiung, sondern verstrickt sich immer mehr in zwangsneurotische Muster. Regisseur Kohki Yoshida erzählt seine Geschichte in ruhigen Bildern und stellt sie schließlich als Normalfall dar.
Vom Tokioter Vorort in das übervolle Stadtzentrum führt „FIT“ von Hirosue Hiromasa. Wie der Titel suggeriert, handelt auch dieser Spielfilm von Menschen, die nicht so recht in ihr soziales Gefüge passen. Sawaga zum Beispiel. Er will das Gros seiner Mitmenschen überragen und motiviert sich jeden Morgen, möglichst heldenhaft den Tag im Callcenter zu überstehen. Nächtens rennt er dann in Regencape und Maske durch sein Viertel, um sich so seinem Spezialheldentum zu nähern. Doch Sawaga ist in diesem lakonisch erzählten Film nicht der einzige Außenseiter, der seiner Einsamkeit auf originelle Art entflieht.
Charlotte hingegen, Hauptfigur in „Brownian Movement“, wirkt völlig assimiliert. Sie ist Ärztin, Mutter und hat einen erfolgreichen, gutaussehenden Mann. Doch dann mietet sie sich eine möblierte Wohnung für Sex mit Fremden, denen sie auf der Arbeit begegnet. Die Männer sind alt, haarig, fett – aber wer will schon Gelüste beurteilen? Regisseurin Nanouk Leopold („Wolfspergen“) hat ihren Film in drei wortkarge Akte geteilt und Charlotte mit der großartigen Sandra Hüller besetzt. Wie sie ihre Nacktheit und ihr stummes Begehren präsentiert, ist bewundernswert. Ebenso ihre Weigerung, die Beweggründe vor Mann und Therapeutin auszusprechen. Der Film fordert indes Geduld, er lotet Geräusche in Räumen aus, liebt den langen Blick auf Ausstattung und Gesichter. Zeit genug für den Betrachter weitere Wirklichkeiten im Gezeigten zu erkunden.

Text: Cristina Moles Kaupp

Folge Mir (Forum)
11.2., 19.00, Delphi
12.2., 12.30, Arsenal 1
14.2., 20.00, Colosseum 1
16.2., 14.45, Cubix 7

Kazoku X (Household X) (Forum)
13.2., 20.30, Arsenal 1
14.2., 22.15, Cubix 9
15.2., 20.00, Colosseum 1
19.2., 16.30, CineStar 8

FIT (Forum)
14.2., 21.30, Delphi
15.2., 11.00, CineStar 8
16.2., 15.00, Arsenal
19.2., 19.15, CineStar 8

Brownian Movement (Forum)
15.2., 21.30, Delphi
17.2., 15.00, Arsenal 1
18.2., 19.15, CineStar 8
20.2., 11.00, CineStar 8

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