Berlinale 2016

Der Tod kommt in allen Farben

Der Tod mag müde sein, dafür kommt er nun auch in Farbe: Zum Auftakt der Reihe Berlinale Classics wird Fritz Langs Stummfilmklassiker „Der müde Tod“ (1921) in einer digital restaurierten und viragierten Fassung bei einer Galavorstellung im Friedrichstadtpalast gezeigt. Denn längst schon wissen die Filmhistoriker, dass die Filme in der Zeit des stummen Films in aller Regel nicht schwarzweiß, sondern farbig waren. Die dazu am häufigsten verwendete Methoden waren Virage und Tonung, bei denen ganze Szenen einer Filmkopie jeweils in verschiedenen Farbtönen eingefärbt wurden. Die Farben verwendete man symbolisch-assoziativ: So stand Blau meist für die Nacht und Grün für das Meer, Gelb für künstlich beleuchtete Innenräume und Rot für Feuersbrünste – aber eventuell auch für feurige Liebesszenen. Ein universell gültiges Handbuch nämlich gab und gibt es dafür nicht, was die neue Viragierung von „Der müde Tod“ umso schwieriger gestaltete. Dass der Film wie die meisten Werke seiner Zeit viragiert gewesen sein muss, scheint klar – einen tatsächlichen Anhaltspunkt, wie dies ausgesehen haben mag, gibt es aber nicht. So orientierte sich die verantwortliche Restauratorin Anke Wilkening bei der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden vornehmlich an den erhaltenen Viragierungen von weiteren Filmen der Produktionsfirma Decla-Bioskop, darunter auch Fritz Langs Abenteuerfilm „Die Spinnen“ (1920).  
Im Gegensatz zur ebenfalls vorgenommenen Restaurierung von „Der müde Tod“, bei der das erhaltene Filmmaterial verschiedener Archive und Quellen miteinander verglichen wurde, um Unterschiede in Bildqualität und Vollständigkeit zu erkunden und mögliche Ergänzungen ins Auge zu fassen, ist die – digitale Simulation – der Virage also eine historisierende Neuinterpretation.
Kaputtmachen kann man da im technischen Sinn zwar nichts, denn das Ausgangsmaterial bleibt unverändert erhalten, was einer kommenden Generation von Filmhistorikern die Möglichkeit bietet, neue Restaurierungen auf der Basis möglicher neuer Erkenntnisse zu erstellen.
Doch im schlechtesten Fall entwickelt sich die unhistorische neue Version zum Ausgangspunkt einer falschen Geschichtsschreibung – ähnlich jener von Lotte Eisner, die in ihrem Buchklassiker „Die dämonische Leinwand“ in den 1950er-Jahren über die tiefen schwarzen Schatten des expressionistischen deutschen Stummfilms schrieb, weil sie die Filme nur in den Schwarzweißkopien der Cinйmatheque française kannte.
Vor allem aber zeigt die Viragierung von „Der müde Tod“ ein Dilemma auf, das für alle Institutionen gilt, die sich in Deutschland in irgendeiner Weise mit der Erhaltung von Filmerbe beschäftigen: Die Bewahrung von historischen Dokumenten und Kunstwerken zu wissenschaftlichen und kuratorischen Zwecken ohne kommerzielle Zwänge besitzt keine allzu große Lobby, entsprechend haben die Institutionen kein, oder doch jedenfalls viel zu wenig Geld für ihre Arbeit.
Ohne zusätzliche Geldgeber (in diesem Fall die Bertelsmann-Stiftung) kommt man nicht aus, und eine Restauration und Neuschöpfung wie die von „Der müde Tod“ geht durchaus auch mit handfesten kommerziellen Interessen einher. Denn am Ende muss ein verwertbares Produkt stehen, das sowohl auf Festivals als auch für die Ausstrahlung im Fernsehen sowie als DVD für Filmgeschichtsliebhaber einsetzbar ist. Die neuerschaffene Farbe trägt also nicht zuletzt der Tatsache Rechnung, dass die meisten Menschen heute einfach keine Schwarzweißfilme mehr ansehen wollen – im Fernsehen werden diese selbst von Kultur-Spartensendern wie Arte aus Gründen der Quote kaum mehr gezeigt.
Auch die von ZDF/Arte beim Komponisten Cornelius Schwehr in Auftrag gegebene neue Orchestermusik ist Teil dieses Verwertungspakets – so kann man bei Galavorstellungen (wie bei der Berlinale, die mit den Classics sowieso keine erkennbaren kuratorischen Ziele verfolgt, sondern zeigt, was international gerade im Restaurierungsangebot ist) beim Publikum mit einem Live-Orchester punkten, und auch im TV wirkt ein symphonisches Werk für den Zuschauer allemal wertiger als ein einsamer Stummfilmpianist.
Bei aller Kritik bedeutet das nicht, dass man es bei der Neuschöpfung von „Der müde Tod“ an Mühe und Sorgfalt hat mangeln lassen: Ein schöner und vor allem in den an die deutsche Romantik gemahnenden Szenen der Rahmenhandlung wunderbar inszenierter Film wird hier zu Recht einmal mehr sein Publikum finden. Doch die Fragezeichen bleiben – und Historismus war und ist im Bereich der Kultur nie eine wirklich gute Idee.

Text: Lars Penning

Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Termine für Der müde Tod

Mehr über Cookies erfahren