Berlinale 2016

„Diary of a Chambermaid“ von Benoоt Jacquot im Wettbewerb

Diary of a Chambermaid

Da sollte einer schon einen guten Grund haben, wenn er sich an einen bereits zweimal verfilmten Stoff wagt. Der Jahrhundertwende-Roman „Tagebuch einer Kammerzofe“ von Octave Mirbeau wurde 1946 von Jean Renoir in den USA als theatraler Albtraum inszeniert, und Luis Buсuel verlegte in seiner Fassung von 1964 die Handlung ins Jahr 1928, um von der Verlogenheit einer ihm gut bekannten bürgerlichen Gesellschaft zu erzählen. Nun geht Benoоt Jacquot mit diesem nicht mehr ganz frischen Stoff auf Bärenjagd – und verweigert den klaren Bezug auf unsere post- oder auch neobürgerliche Gegenwart. Er konzentriert sich ganz auf die hübsche Zofe Cйlйstine, hinreißend trotzig-berechnend gespielt von Lйa Seydoux, und ihren Kampf gegen die erotischen Übergriffe des Hausherrn, die Bösartigkeiten seiner Frau und der eigenen Gier nach Leben. Dabei findet Jacquot unter all den Rüschen und Keulenärmeln, den gestärkten Schürzen und kunstvollen Haarknoten durchaus die zeitlose und damit auch moderne Geschichte von der Versklavung des Individuums durch die Verhältnisse. Einen „feministisch-marxistischen Film“ habe er gemacht, bekennt der Regisseur in der Pressekonferenz nur halb scherzhaft.
Die Gefälligkeit des historischen Settings, die kunstvoll beleuchtenden Interieurs und impressionistischen Gärten bewirken allerdings keine kontrastierende Schärfung der Kritik. Durch die Verengung auf die Psychologie des individuellen Ausbruchs verliert der Stoff deutlich an Gewicht. Dabei ist Cйlйstines Entscheidung für den antisemitischen und undurchschaubaren Gärtner Joseph auch eine Entscheidung für das Kriminelle und politisch Abgründige, das im weiteren Verlauf des Jahrhunderts noch monströse Ausmaße annehmen wird. Und heute wieder eine unheimliche Relevanz besitzt. Das lässt sich dem Film unterstellen, von sich aus erzählt er es nicht.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Carole Bйthuel

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