Berlinale 2016

Die Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2011

Vaterlandsverräter

Der Programmauswahl nach zu urteilen, feiert die Perspektive Deutsches Kino ihren zehnten Geburtstag eher mit Selters als mit Sekt. Viel Sperriges ist zu sehen – und das aus gutem Grund, wie Linda Söffker, die neue Kuratorin der Berlinale-Plattform für den deutschen Nachwuchsfilm, betont: „Die Perspektive des Sektionstitels ist auch zu verstehen als Alternative zu herkömmlichen Sehweisen. Auch wenn ich gutes Fernsehen sehr schätze, ist es nicht das, was ich hier suche.“ Die studierte Kultur- und Theaterwissenschaftlerin war seit Gründung der Sektion Mitarbeiterin des nun zur Deutschen Filmakademie gewechselten Leiters Alfred Holighaus. Entsprechend soll es der Freude am Experiment zum Trotz „keine 180-Grad-Wende“ geben, die Perspektive auch weiterhin prominentes internationales Schaufenster bleiben: „Mein Anliegen ist ganz klar: Ich möchte Filme zeigen, die Kinopotenzial haben.“ Diese Spannung ist dem Programm deutlich anzumerken, seine Stärken und Schwächen resultieren daraus.
Lollipop MonsterEinen überzeugenden Beweis, wie sich stilistische Ambition und Publikumswirkung verbinden können, liefert Annekatrin Hendels „Vaterlandsverräter“, ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm, der gleichermaßen von der unbestimmten Positionierung seiner Autorin lebt wie von der Unberechenbarkeit seines Protagonisten: Paul Gratzik, Tischler, Arbeiterliterat, ehemaliger Frauenheld und nichtpraktizierender Vater. Und über zwanzig Jahre lang IM der Staatssicherheit. Faszinierend und stur, macht er die Filmemacherin zum Sparringspartner bei der Erinnerungsarbeit einer ganzen Künstlergeneration. Der Film gibt ihm Raum und kreist ihn ein, umspielt das entworfene Bild mit Recherchen, Nachfragen und grafischen Nachstellungen, in denen die schöpferische Qualität des Erinnerungsprozesses sichtbar gemacht wird.
Um Loyalität und Verrat geht es auch in dem fulminanten Spielfilm „Die Ausbildung“ von Dirk Lütter. Dessen jahrelange Erfahrung als Kameramann schlägt sich nieder in streng komponierten, aseptischen Bildern, in denen die Zurichtung des Menschen als Benutzeroberfläche der Dienstleistungsgesellschaft sichtbar wird. Der Azubi Jan scheint schon völlig absorbiert in der perfekt ausgeleuchteten Welt des Werbespots für eine Versicherung, in der die Selbstverwirklichung sich auf Shopping-Zwang reduziert und romantische Hoffnungen in der pornokompatiblen Intimrasur zum Ausdruck kommen. Söffkers das ganze Festival einbeziehender Anspruch, „Handschriften zu entdecken und die Leute im Auge zu behalten – und im besten Falle auch gerne an andere Sektionen bis hin zum Wettbewerb weiterzureichen“, wird durch einen politisch wie ästhetisch relevanten Film wie diesen perfekt erfüllt.

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