Berlinale 2016

„Die ­Widerständigen II“

Der Widerstand gegen die Nazi-Tyrannei war Katrin Seybolds Lebensthema. Michael Verhoevens und Marc Rothemunds Spielfilme über Sophie Scholl, ihren Bruder und den engsten Kreis der Weißen Rose genügten der Münchener Dokumentarfilmerin nicht. Sie war an den persönlichen Erfahrungen der mutigen jungen Frauen und Männern inte­ressiert, die sich in einem weitaus größeren Netzwerk mit befreundeten Lehrern, Professoren, Eltern, Buchhändlern, Pfarrern und Künstlern über Süddeutschland hinaus für die Flugblattaktionen der Weißen Rose einsetzten, in der Geschichte des deutschen ­Widerstands jedoch lange Zeit kaum gewürdigt worden sind.
In mehreren Dokumentarfilmen, zuletzt in „Die Widerständigen“ (2009), gab Katrin Seybold den überlebenden Zeitzeugen Stimme und Gesicht. In ruhigen Bildern ließ sie vor allem die Frauen der Gruppe, unter ihnen Traute Lafrenz-Page, Marie-Luise Schultze-Jahn, Ilse Ledien, Liselotte Dreyfeldt-Hein, von ihren Motiven und Entscheidungen, von Bespitzelung und Verrat, Verhaftung und den brutalen „Volksgerichtsprozessen“ berichten.
Als Katrin Seybold 2012 überraschend starb, hinterließ sie viele Stunden Material, das in ihrem letzten, der Münchener Weißen Rose gewidmeten Film keinen Platz gefunden hatte. Dieses Puzzle konzentrierter, gleichwohl dramatischer Schilderungen der Ereignisse nach der Hinrichtung der Geschwister Scholl und ihres Freundes Christoph Probst hat Katrin Seybolds Freundin, die Regisseurin Ula Stöckl, nun zu dem fesselnden Sequel „Die Widerständigen II ‚ also machen wir weiter‘“ arrangiert.
Ula Stöckl – deren Kultfilm „Neun Leben hat die Katze“ (1968) in einer digital restaurierten Version als Berlinale-Special endlich wiederaufgeführt wird – zeichnet in „Die Widerständigen II“ sehr anschaulich die ­Milieus nach, in denen die Hamburger Gruppe zuei­nander fand, etwa den klandestinen Lesekreis im Haus von Erna Stahl, einer ehemaligen Lehrerin der Lichtwark-Reformschule. Auch die Kontakte zum Münchener Institut des Chemie-Nobelpreisträgers Heinrich Wieland werden deutlich, da der Professor seinen Bonus nutzte und dem nach den Nürnberger Rasse­gesetzen vom Studium ausgeschlossenen Hamburger Hans Leipelt einen Studienplatz bot.
„Und ihr Geist lebt trotzdem weiter“, setzten Hans Leipelt und Marie-Luise Schultze-Jahn als Überschrift über das sechste Flugblatt ihrer im Februar 1943 hingerichteten Freunde, bevor sie es hundertfach abtippten, um es in Hamburg zu verbreiten. „Die Widerständigen II“ setzt begnadeten Erzählern und Erzählerinnen ein Denkmal, die von ihrem Heldenmut berichten, als sei er selbstverständlich gewesen.

Text:
Claudia Lenssen

Foto:
Hal Hartley

Termine: Die Widerständigen II

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