Berlinale 2016

Ein Interview mit Andres Veiel

Andres Veiel

tip Herr Veiel, Ihr Film geht zeitlich nicht über den ersten Schuss hinaus, der bei der gewaltsamen Befreiung Baaders im Mai 1970 fiel. Er endet also dort, wo die meisten RAF-Filme anfangen. Geht es auch darum, den Protagonisten der radikalen Linken so etwas wie ihre Unschuld zurückzgeben?
Andres Veiel Das kann man so beschreiben, denn es ging mir ja nicht darum, Heldenbilder zu zeichnen oder Gudrun Ensslin in der Stigmatisierung „verrückt und kriminell“ stehen zu lassen, sondern in den Kern vorzudringen: Was hat die eigentlich angetrieben? Und nicht mit den immer gleichen Bilderschleifen und hektischen Bildcollagen im Prinzip nur das zu wiederholen, was man schon weiß.

tip Wie kam es zu der Besetzung der Hauptrollen mit August Diehl, Lena Lauzemis und Alexander Fehling?
Andres Veiel August Diehl als Bernward Vesper war gesetzt. Schon beim Schreiben des Drehbuchs habe ich an ihn gedacht. Für die Rolle der Gudrun war klar, dass es kein allzu bekanntes Gesicht sein sollte. Und es war die He­rausforderung, eine Schauspielerin zu finden, die einerseits eine jugendliche Verletzlichkeit und Offenheit hat, aber zugleich die Entschiedenheit einer Gudrun Ensslin transportieren kann. Für Lena Lauzemis habe ich mich relativ früh entschieden. Umso schwieriger war es dann, den richtigen Andreas Baader zu finden. Ich hatte einen fantastischen Schauspieler, der im Vorfeld viel gearbeitet hat, den ich aber trotzdem am Ende dieses langen Weges nicht genommen habe, weil die Konstellation nicht gestimmt hat. Man muss die Dimension der Liebesgeschichte glauben können, die Chemie muss stimmen.

tip Rechnen Sie damit, dass der Film auf der Berlinale polarisieren wird, zum Beispiel was die Liebesgeschichte zwischen Gudrun Ensslin und Andreas Baader betrifft?
Andres Veiel Natürlich wird der Einwand kommen, was hat die Liebesgeschichte zwischen Andreas Baader und Gudrun Ensslin mit der politischen Radikalisierung zu tun? Dann sage ich: sehr viel. Es geht ja auch um die Frage, wie Abhängigkeit entsteht. Ich glaube, dass die Skrupellosigkeit von Andreas und die intellektuelle Schärfe von Gudrun ein Teil des Treibsatzes war, der die RAF später nach vorne gebracht hat. Natürlich wäre es auch falsch, die Radikalisierung nur aus der Liebesgeschichte abzuleiten, oder aus den Elternmodellen. Aber man kommt eben nur dann weiter, wenn man nichts ausschließt.

tip Wenn man einen Film über die Vorgeschichte der RAF dreht, muss man vermutlich mit vielen linken und rechten Empfindlichkeiten rechnen…
Andres Veiel Ja, da gibt es ganz große Empfindlichkeiten. Das war für mich auch ein Grund, warum es kein Dokumentarfilm geworden ist. Da wird dann z.B. gesagt: „Wenn Person X in dem Film drin ist, trete ich nicht vor die Kamera.“ Es gibt da eben immer noch diesen Frontgedanken von „richtig“ und „falsch“, mal abgesehen davon, dass viele von damals heute nicht mehr leben.

tip Der gesellschaftliche Diskurs über die RAF, ihre Wurzeln und Folgen ist demnach noch nicht abgeschlossen?
Andres Veiel Damals war es zwar eine andere Erstarrung als heute, eine Nachkriegsgeneration die in Vielem gescheitert war, die sich nicht identifizieren konnte mit den eigenen Eltern. Aber bei aller Unterschiedlichkeit zu dem, was eine Gudrun Ensslin, einen Bernward Vesper angetrieben hat, gibt es ja auch heute politische Unruhe und Unbehagen, ob das Stuttgart 21 ist oder der Bankenrettungsschirm, wo 500 Milliarden investiert werden und niemand die Folgen überblicken kann. In einer Welt, die so komplex ist, wo ist da der Einzelne gefragt? Das meint auch der Titel „Wer wenn nicht wir“, dass es eben nicht nur ein Film ist über etwas, was vorbei ist.

Interview: Iris Depping

Foto: Markus Jans

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