Berlinale 2016

Ein Interview mit Colin Firth

The King's Speech

tip Haben Sie durch die Rolle neue Erkenntnisse gewonnen über das Leben in der Royal Family?
Colin Firth Nein, das kann man nicht unbedingt behaupten. Bei jeder anderen Rolle würde ich versuchen, so viel Zeit wie möglich zu verbringen mit Menschen im gleichen Beruf, im gleichen Milieu wie meine Figur. Aber anders als Ärzte oder Piloten gibt es leider kaum Könige, die bereit wären, einen Schauspieler mal für ein oder zwei Tage in ihren Alltag hineinschnuppern zu lassen. Uns standen also bestenfalls Informationen aus zweiter Hand zur Verfügung.

tip Es ist in jedem Fall nicht uninteressant, dass der Film den König nicht so sehr als Privilegierten, sondern viel mehr als Opfer familiärer Misshandlungen zeigt …
Colin Firth Das ist richtig. Es gibt natürlich immer Zuschauer, die sich fragen, warum sie sich einen Film über die Sorgen der High Society anschauen sollen, wo es doch eigentlich viel drängendere Probleme gibt. Ein durchaus berechtigter Einwand, wie ich finde. Aber genauso legitim ist es eben auch, die vermeintlichen Privilegien mal zu hinterfragen. Denn nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die schreckliche Kindheit von George VI. und nicht zuletzt seinem epileptischen, weggesperrten Bruder Johnny ist nur ein Beispiel dafür, dass das Leben im britischen Königshaus keine ausschweifende Party ist wie bei Marie Antoinette. Vielleicht blieb deswegen bei uns auch immer die Revolution aus.

The King's Speechtip Die Briten hängen einfach zu sehr an ihrem Königshaus …
Colin Firth Wahrscheinlich muss man das so sagen, oder? Mir selbst liegen solche Gefühle eher fern, deswegen bin ich immer wieder überrascht, wenn – wie etwa im Fall vom Tod der Queen Mum – die kollektive Zuneigung zu dieser Familie so offensichtlich zutage tritt. Aber ich könnte Ihnen nicht sagen, wie es nach Umfragen und Zahlen aussieht, also ob wirklich die meisten Briten an der Monarchie festhalten wollen oder es nicht doch eine große Zahl gibt, die sie lieber abgeschafft sähe. Insgesamt gehe ich aber davon aus, dass die Mehrheit von uns im Regelfall nicht besonders viele Gedanken an die Queen und ihre Familie verschwendet.

tip Von der Königin zum Ritter geschlagen zu werden ist also kein Lebenstraum?
Colin Firth Ach du liebes bisschen … Nein, davon habe ich definitiv noch nie geträumt. Aber ich würde die Vorstellung auch nicht als Albtraum beschreiben …

tip Sie haben vorhin schon den Mangel an Insider-Informationen bezüglich des Adels-Alltags angesprochen. Ist also alles, was im Film zwischen Bertie und Lionel passiert, fiktiv?
Colin Firth Das meiste sicherlich. Dass aus dem Palast nichts nach außen dringt, war schon damals so und ist auch im Falle dieser Freundschaft nicht anders gewesen. Immerhin trieben wir, relativ spät in der Entstehungsphase des Films übrigens, Logues Tagebücher und seine Briefe auf. Die waren sehr aufschlussreich und spannend. Aber ausgerechnet über die Therapiesitzungen der beiden war aus Gründen der Vertraulichkeit auch dort nichts zu finden.

Interview: Patrick Heidmann

The King’s Speech (Special)
16.2., 21.00, Friedrichstadtpalast
17.2., 17.30, Urania

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