Berlinale 2016

Ein Interview mit Colin Firth

The King's Speech

Colin Firth ist seit Mitte der 80er-Jahre im Kino zu sehen, ein Qualitätsschauspieler mit Potenzial nach oben, einsetzbar ebenso im leichten Mainstream-Musical („Mamma Mia!“) wie in der stilvollen Dandy-Elegie („A Single Man“). Seine jüngste Rolle als schwer stotternder britischer König George VI., der lernen muss, sich störungsfrei zu artikulieren, hat ihm gerade einen Golden Globe eingetragen. Für die kommende Oscar-Verleihung gilt er als Favorit in der Schauspieler-Kategorie.

tip Mr. Firth, für „The King’s Speech“ gelten Sie als großer Oscar-Favorit, schon im vergangenen Jahr waren Sie für „A Single Man“ nominiert. Es scheint, als habe Ihre Karriere noch mal eine ganz neue Richtung genommen.
Colin Firth Finden Sie? Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich schon überblicken könnte, ob und was sich verändert hat. Oft habe ich eigentlich den Eindruck, nicht so viel und so gute Arbeit zu finden, wie ich es mir wünschen würde. Allerdings kann ich natürlich nicht leugnen, dass es zuletzt ganz gut lief und vor allem diese beiden Filme wirklich etwas Besonderes sind. Vielleicht hatte ich früher zu viel Pech und habe einige der besten Rollen schlicht nicht bekommen. Vielleicht bin ich inzwischen aber auch einfach in dem richtigen Alter für die Art von Rollen, die mich am meisten reizen: Männer mit Vergangenheit.

tip Mit dem Älterwerden haben Sie kein Problem? Im vergangenen Jahr feierten Sie immerhin die runde 50.
Colin Firth Ich finde dieses Alter sensationell – und das meine ich nicht ausschließlich positiv! Aber es ist doch wirklich verrückt, dass ich jetzt 50 bin, wo ich gefühlsmäßig gerade erst meine Pubertät hinter mir habe. Während andere Schauspieler ja gerne mal über ihr Alter schweigen, habe ich letztes Jahr wirklich jedem von diesem Geburtstag erzählt. Einfach um diese unglaubliche Zahl endlich zu begreifen und mich meinem körperlichen Verfall zu stellen. Wobei einem solch tolle Arbeiten wie „The King’s Speech“ die Sache mit der plötzlichen Sehschwäche und dem Zwicken im Knie natürlich ein bisschen versüßen.

The King's Speechtip Anders als Ihre Filmfigur mussten Sie das Stottern nicht ver-, sondern erlernen. Eine ähnlich schwere Aufgabe?
Colin Firth Es war auf jeden Fall nicht ganz einfach. Vor allem weil ich mir das Stottern natürlich erst einmal aneignen musste, aber dann ja jemanden spielte, der es mit aller Macht unterdrückt und loswerden will. Das war eine leicht schizophrene Situation. Meine Gespräche mit unserem Drehbuchautoren David Seidler, der selbst an einem Stottern litt, waren dabei sehr hilfreich. Generell musste ich es allerdings in mir selbst finden, da konnte mir kein Sprach­trainer helfen. Zumal Davids Stottern nicht automatisch vergleichbar ist mit dem von König George VI., jeder Sprachfehler ist anders. Ich habe nun schon zum dritten Mal einen Stotterer gespielt, und jedes Mal war das ein ganz neuer, eigener Prozess.

tip Wie intensiv haben Sie sich denn mit den erhaltenen Reden von George VI. beschäftigt?
Colin Firth Mir ging es überhaupt nicht darum, ihn zu imitieren, aber natürlich habe ich mir all seine Reden angehört. Das hat mir sehr dabei geholfen, ein Gespür zu bekommen dafür, was für eine Person er ist. Wobei mich diese Vorbereitung letztlich nur ein Stück weit brachte. Es blieb immer noch die Frage, wie er sich eigentlich anhörte, als das Stottern besonders schlimm war. Aus dieser Zeit, also etwa von der Rede im Wembley-Stadion, gibt es nämlich keine Aufnahmen. Alles, was verfügbar war, stammte aus der Zeit, in der er bereits mit Lionel Logue zusammenarbeitete.

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