Berlinale 2016

Ein Interview mit Cyril Tuschi über „Khodorkovsky“

Khodorkovsky

tip Herr Tuschi, wie kommt ein junger deutscher Regisseur, der bisher einen Spielfilm vorzuweisen hat („SommerHundeSöhne“), dazu, einen Dokumentarfilm über einen Mann zu machen, der nach Meinung vieler im Gefängnis sitzt, weil er Vladimir Putin herausgefordert hat?
Cyril Tuschi Ich war bei einem Festival im westsibirischen Khanty-Mansiysk. Die Stadt kam mir vor wie ein potemkinsches Dorf: Alles war neu, im Filmstudio hatten sie HD-Kameras, die es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal in Europa gab. Ich fragte mich: Warum haben die hier so viel Kohle? Die Antwort war: Das hat alles Yukos bezahlt, die Ölförderfirma, die einmal Michail Chodorkowski gehörte. Ich hatte damals nur eine Spiegel-Geschichte über ihn gelesen gehabt, dort aber sagten mir alle: Er hat sich mit Putin angelegt. Auf dem Rückflug begann ich damit, über so eine Oligarchenfigur ein Spielfilmdrehbuch zu schreiben. Ich merkte aber bald, dass meine Fantasie dem Geschehen rund um Chodorkowski immer hinterherhinkte. Und so beschloss ich, einen Dokumentarfilm zu machen.

tip Konnten Sie wenigstens Russisch?
Cyril Tuschi Ich konnte kein Wort Russisch. Zur Recherche habe ich mich 2007 in Moskau – eines der teuersten Pflaster der Welt – in einer Sprachschule einquartiert. Im ersten Jahr habe ich fast nichts geschafft. Zuerst haben alle abgesagt, mit denen ich reden und drehen wollte. Ich hatte es mit einem Wust von Beratern und PR-Firmen zu tun – allein Chodorkowski hat vier Public-Relations-Vertretungen im Westen, eine auch in Berlin.

Cyril Tuschitip Mich interessiert, welche Ebene der Wahrheit ein Filmemacher bei einer solchen Geschichte finden kann, die schon Politiker und Juristen schwer durchschauen.
Cyril Tuschi Ich habe irgendwann beschlossen, mich auf das Drama Putin-Chodorkowski zu konzentrieren und alles rauszuschmeißen, was nicht direkt damit zu tun hat. In einer längeren Schnittfassung hatte ich einmal eine dreiviertel Stunde, in der es nur darum ging, wie Chodorkowski seine erste Million gemacht hat. Das ist so komplex. Ich könnte einen ganzen Film allein über Offshore und Transfer Pricing machen – wissen Sie, was das ist?

tip Nicht genau.
Cyril Tuschi Das geht so: Eine Firma verkauft einen Barrel Öl für 50 Cent nach Zypern, dort befindet sich eine Tochterfirma, die verkauft das zum Weltmarktpreis weiter. Die Firma verkauft also mit Verlust, das mindert die Steuerabgaben. Chodorkowski sagt, dass das vor seiner Inhaftierung legal war und dass das alle gemacht haben. Das war genau das, worum es im ersten Prozess ging. Ich weiß noch nicht zu hundert Prozent, wann es zu Unrecht wurde. Es haben alle gemacht, aber er wurde als Einziger verurteilt.

tip Nun denken aber alle, dass das nur ein vorgeschobener Vorwurf war. Putin wollte Chodorkowski aus dem Weg räumen.
Cyril Tuschi Man kann es auf diese Alphatier-Nummer bringen. Jetzt, nach dem Film, glaube ich das viel mehr als vorher. Den zweiten Prozess, der kürzlich zu Ende ging und mit einer neuen Haftstrafe bis 2017 endete, hielten viele taktisch für unklug. Das alles deutet darauf hin, dass Putin tatsächlich nervös ist.

Khodorkovskytip Es gibt einen interessanten Gedanken im Film: Chodorkowski nütze die Haft, um sich für seine Zeit als Oligarch zu rehabilitieren und danach geläutert die politische Bühne betreten zu können.
Cyril Tuschi Das sagt Christian Michel, ein Schweizer Bankier, der sehr „poshes“ Englisch redet. Ich habe das auch von anderen Leuten gehört, dass Chodorkowski sich als ein Messias für Russland sieht. Das ist sein Selbstbewusstsein, keinen Deut kleiner. Präsident ist da fast schon zu klein als Kategorie. Michel sieht das wie bei einem Schachspiel: Chodorkowski opfert mit der Haft die Dame, aber am Ende wird er den Gegner mattsetzen. So was kann man kaum planen, aber dass das ein Motor ist, halte ich für denkbar.

tip Sie hatten auch einmal Gelegenheit, ihn zu interviewen. Wie kam das zustande?
Cyril Tuschi Das war ein Glücksfall, denn eigentlich schien die Sache aussichtslos. In Sibirien ging es nicht, wir hatten auch schon aufgegeben, aber dann war einmal die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Moskau. Sie durfte auf Druck der fünf Anwälte zwei Minuten mit Chodorkowski reden, und am Rande dieses Gesprächs haben wir uns bemerkbar gemacht. Wir haben dann eine schriftliche Einreichung getätigt, am nächsten Tag gab es die Zusage für zehn Minuten. Der Richter war wohl irgendwie beeindruckt von der deutschen Politikerin, in deren Nähe wir uns da bewegten. Unter höchstem Druck habe ich knapp zehn Fragen aufgeschrieben, dann auch noch selber die Kamera gemacht und zum Glück alles scharf gestellt durch das Glas, sonst wäre alles hinüber gewesen. Jede Minute hat mir ein Wachmann mit der Maschinenpistole auf die Schulter geklopft und die Zeit heruntergezählt.

Interview: Bert Rebhandl

Foto von Cyrill Tuschi (Mitte): Laura J. Gerlach

Khodorkovsky (Panorama)
15.2., 14.15, CineStar 7
16.2., 17.30, Cubix 7
20.2., 15.30, Colosseum 1

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