Berlinale 2016

„Elser“ von Oliver Hirschbiegel im Wettbewerb außer Konkurrenz

Elser

Ohne Übertreibung hätte der 8. November 1939 ein Tag werden können, der den Verlauf der Menschheitsgeschichte entscheidend verändert hätte. Am Ende fehlte Georg Elser (Christian Friedel) in seinem Plan jedoch eine knappe Viertelstunde – genauer: 13 Minuten. Adolf Hitler hatte eine Veranstaltung im Münchener Bürgebräukeller früher als geplant verlassen und war der ihm geltenden Bombe somit knapp entgangen.
Der Attentäter selbst wurde noch am selben Abend durch einen reinen Zufall an der deutsch-schweizerischen Grenze verhaftet und sah sich in der Haft fortan Qual und Folter ausgesetzt, weil die Nationalsozialisten sich nicht vorstellen konnten, dass ein einfacher Handwerker aus der schwäbischen Provinz den kompletten Faschismus-Apparat hatte allein hintergehen konnte. Die Nazis wollten die Namen der Hintermänner.
Regisseur Oliver Hirschbiegel legt den Fokus seines Films eindeutig auf diesen Freigeist aus Königsbronn, der sich über Jahre weder für irgendwelche Ideologien vereinahmen ließ, noch den Fehler beging, die eigene Meinung zum falschen Zeitpunkt offen auszuposaunen. Stattdessen fokussiert sich der junge Mann auf das, was er für richtig hält: Die Beseitigung der obersten politischen Führung im Deutschland der späten 1930er Jahre. Durch zum Teil krasse und klaustrophobische Bilder der Haft und Folter im Reichssicherheitshauptamt in Berlin und geschickte Rückblenden ins mehr und mehr naziverseuchte Heimatdorf schafft der Film eine nachvollziehbare Standhaftigkeit des Protagonisten, der in seiner Zielstrebigkeit irgendwann selbst seine große Liebe Elsa (Katharina Schüttler) aufgibt – wohlgemerkt in der Hoffnung, sie nach dem Attentat in besseren Zeiten wiederzusehen.
Starke Momente hat der Film auch, wenn Elser seine Zielstrebigkeit zu verlieren droht. Wenn ihm Zweifel an der eigenen Tat kommen, wenn ihn das Gewissen einholt, weil bei dem gescheiterten Attentat unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind. Angesichts der Folterszenen durch die Nazis, die einen Menschen quälen, der längst gestanden hat, möchte man diesen Opfern jedoch fast zurufen, dass sie nicht umsonst gestorben sind. Sie alle sind es, warum es auch heute noch wichtig ist, aus dem Dritten Reich zu erzählen. Vor allem, wenn es die Ironie der Geschichte will, dass Reichssicherheitshauptmann Arthur Nebe (Burghart Klaussner), der Elser im Jahr 1939 verhörte und folterte, fünf Jahre später selbst ein Unterstützer der Stauffenberg-Attentate auf Hitler war.
Georg Elser wurde nach Jahren der Haft im Konzentrationslager Dachau am 9. April 1945 auf persönlichen Befehl von Adolf Hitler hingerichtet. Dieses Mal waren es keine 13 Minuten, die gefehlt haben, sondern exakt 20 Tage. Das KZ wurde am 29. April 1945 von der US-Army befreit.

Text: Martin Zeising

Foto: Bernd Schuller

Bären-Quote: Außer Konkurrenz

Termine: Elser

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