Berlinale 2016

Eröffnungsfilm: „Nobody Wants the Night“

Eröffnungsfilm:

Die Liebe, der Tod und die Worte. Das sind fundamentale Gegebenheiten der menschlichen Existenz – und Konstanten im Werk von Isabel Coixet. Gleich, ob eine verlassene junge Frau ihrem abwesenden, untreuen Freund all das mitteilt, was sie ihm nie zu sagen wagte („Things I Never Told You“), oder ob ein von einem Unglück zerrüttetes Ehepaar streitend umeinander kämpfend die Schuld zu klären versucht („Ayer no termina nunca“). Gleich, ob eine sterbenskranke Mutter eine Liste der Dinge erstellt, die sie noch erledigen will („My Life Without Me“), oder zwei Traumatisierte stockend einander über den Abgrund des Schreckens helfen („The Secret Life of Words“). Immer steht der Tod drohend im Raum, wehrt sich Zuneigung gegen den Untergang, wird nach Worten gesucht, die die Verbindung zum Leben halten sollen.
Den Handlungsverläufen von Coixets Filmen eignet der bittersüße Schmerz des Melodramatischen, aber auch eine Scharfkantigkeit, die jeder Vereinfachung klare Absagen erteilt. Eigensinnig wie ihre Protagonistinnen beharren die Geschichten darauf, abzuschweifen, Umwege zu gehen und unterwegs mehr in den Blick zu nehmen als ein beliebiger Genre-Horizont jeweils zulassen würde. Das gilt für die Philip-Roth-Verfilmung ­“Elegy“, in der ein alternder Literaturprofessor sich in eine Studentin verliebt, ebenso wie für „Map of the Sounds of Tokyo“, in dem eine Auftragskillerin eine erotische Beziehung mit ihrem nächsten Opfer wagt. Man glaubt, man weiß, was passieren und wie die Sache ausgehen wird. Aber dann nimmt Coixet sich minutenlang Zeit, um das Entblößen von Brüsten zu zeigen, und die dabei entstehende Intimität sprengt schier die Szene. Oder sie lässt uns durch die Augen der auf den ersten Blick verliebten Fremden auf Tokio schauen und schafft solcherart aus einer hektischen Metropole einen im gemeinsamen Kummer geteilten Zufluchtsort.
Isabel Coixet wurde 1960 im katalanischen Sant Adriа de Besтs geboren und wuchs in der Franco-Diktatur auf. Ihr Vater war Kommunist, es gab ständig Ärger mit der Polizei, und ihr sei, sagt sie in einem Interview 2013, gar nichts anderes übrig geblieben, als zu rebellieren. Als Jugendliche sei sie „ein typischer Punk“ gewesen und Regisseurin habe sie schon immer werden wollen. Zunächst aber studierte sie in Barcelona Geschichte, schrieb für die Filmzeitschrift „Fotogramas“, arbeitete dann erfolgreich in der Werbeindustrie.
1989 gab sie mit „Demasiado viejo para morir joven“ („Too Old to Die Young“) ihr Spielfilmdebüt, das ihr zwar eine Goya-Nominierung als beste Nachwuchsregisseurin einbrachte, bei der Kritik jedoch durchfiel. Sieben Jahre vergingen, bevor sie mit ihrem nächsten Film den internationalen Durchbruch feiern konnte; „Things I Never Told You“ wurde 1996 im Panorama gezeigt. Seitdem ist Coixet regelmäßig bei der Berlinale.
Der diesjährige Eröffnungsfilm „Nobody Wants the Night“ spielt 1908 in Grönland und orientiert sich an Motiven aus dem Leben des Arktisforschers Robert Peary. Coixet schildert, mit Juliette Binoche in der Hauptrolle, die beschwerliche Reise, die Pearys Gattin ­Josephine auf der Suche nach ihrem abgängigen Mann unternimmt. Unterwegs begegnet sie dessen Geliebter, der Inuit-Frau Allaka. Klingt nach Dreiecksgeschichte; gut möglich, dass sie ein paar mehr Umdrehungen aufweisen wird.

Text: Alexandra Seitz

Foto:
Leandro Betancor

Termine: Nobody Wants The Night

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