Berlinale 2016

„ESIOD 2015“

Wien ist nicht die schlechteste Wahl für eine Stadt, die in einem Film die Zukunft zeigen soll. Denn Wien entwickelt sich rapide, zum Charme des alten Habsburg kommen zunehmend die glatten Oberflächen der Funktionsmoderne, die schon so tut, als müsste sie demnächst in ein Smartphone passen.
Der in Berlin lebende Künstler und Filmemacher Clemens von Wedemeyer macht dieses neue Wien der Bankentürme und der Büroetagen zur Szene von „ESIOD 2015“. Eine junge Frau kommt in die Stadt, sie sucht nach ihrer Geschichte, wobei das in der Zukunft so aussieht, dass sie nach ihrem „account“ bei einer Datenbank sucht, bei der künftig alle Identitäten verwahrt sind.
So, wie man früher wertvolle Privatsachen vielleicht in einem Schließfach verwahrte, so befinden sich nun die persönlichen Erinnerungen und die ganze „timeline“ bei einer Superstruktur, bei der man sich erst einmal ausweisen muss: Der Identitätscheck ist streng und enthält unter anderem ein Element, das ziemlich fälschungssicher ist – eine Art Bewegungsprotokoll, in dem bis ins Detail die motorischen Muster eines Menschen als dessen Erkennungszeichen geführt werden. Konsequenterweise geht es in „ESIOD 2015“ denn auch um Choreographie, um einen Tanz, der sich immer wieder in die Bilder hinein auflöst, wenn Wedemeyer andeutet, dass auch diese unter dem Druck der Virtualität stehen. Er pulverisiert sie, lässt sie gleichsam in Informationsstaub aufgehen, woraus sich faszinierende Auflösungserscheinungen ergeben. Die weibliche Hauptfigur steht dagegen für einen Humanismus, der sich den Abstraktionen entgegensetzt: Sie erinnert sich an Momente, in denen die Welt am Rande einer Revolution stand, die dann aber wohl ausblieb. 2015 wäre das Jahr dieser Revolution, und „ESIOD 2015“ deutet mit einem „Total Recall“-Motiv an, dass die Geschichte noch nicht verloren ist.
Wie bei dem Künstler Omer Fast (siehe Seite 30) ist bei Clemens Wedemeyer eine Bewegung von installierten filmischen Formen in Richtung Kino zu beobachten. „ESIOD 2015“ ist mit 38 Minuten zwar nur mittellang, hat aber alle Kennzeichen eines klassischen Science-Fiction-Films – und sogar die eine oder andere Anspielung auf populäre Ausprägungen des Genres, etwa die Schlussszene von „Interstellar“. Allerdings  handelt es sich bei „ESIOD 2015“ doch ganz eindeutig um ein künstlerisches Werk, sowohl was die ästhetischen und politischen Aspekte anlangt, als auch die Produktionsumstände: Es handelt sich um eine Auftragsarbeit für eine österreichische Bank. Ein Geldhaus, keine Datenbank.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Horse&Fruits

Termine siehe hier

FORUM EXpanded
Im 11. Jahr ist die Sektion für die Verbindungen zwischen Kino und Kunst vielfätiger denn je. 49 Programmpunkte sind angekündigt, davon 32 einzelne Filme, 15 Installationen, eine Lecture und eine Peformance. Besonders neugierig kann man auf „La cupola“ von Volker Sattel sein, auf „Sign Space“ von Hila Peleg oder auf „Les oxymores de la raison“ (in der Ausstellung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg) von Kader Attia.

Mehr über Cookies erfahren