Berlinale 2016

Filme über Heimat- und Identitätsverlust im Foum

De Engel van Doel

Nomaden in der Wüste hier, Rentnerinnen beim Krabbenpulen hinterm Deich dort: Auf den ersten Blick scheinen die West-Sahara und der kleine belgische Ort Doel nicht viel miteinander gemeinsam zu haben. Doch der Verlust der Heimat kann den Menschen überall drohen, wie die Dokumentationen „Terrtoire perdu“ von Pierre-Yves Vandeweerd und „De Engel van Doel“ von Tom Fassaert zeigen.  
In schwarz-weißen Super-8-Bildern erzählt Vandeweerd von der Wüstenlandschaft der West-Sahara. Seit dem Abzug der spanischen Kolonialmacht im Jahr 1975 beansprucht Marokko das Gebiet für sich, die einheimischen Sahrauis wurden bekriegt und vertrieben. Vandeweerds Film erklärt die Hintergründe dieses Konflikts nicht, die Bilder zeigen in scharfen Kontrasten lediglich isolierte Menschen in der kargen Landschaft, dazu formen Erzählungen der Protagonisten aus dem Off Kapitel um Themen wie Krieg, Vertreibung, Widerstand und Besatzung. Deutlich wird der tragische Verlust „des Landes der Kindheit“, aber auch das Fünkchen Hoffnung in einer Auseinandersetzung, die auch eine philosophische Ebene hat: Die Marokkaner, so sagt ein alt gewordener Kämpfer der Polisario-Befreiungsfront, werden den Krieg nicht gewinnen, weil sie im Gegensatz zu den Sahrauis nichts von der Wüste verstehen: „Sie haben kein Ziel zu attackieren. Sie sind allein mit der Wüste, den Geistern, dem Wind.“
Widerständig ist auch die 75-jährige Emilienne Driesen in Tom Fassaerts „De Engel van Doel“. Ihr Dorf fällt einer anderen Form von Gewalt zum Opfer: dem globalen Kapitalismus in Form einer Erweiterung des Containerterminals im Hafen von Antwerpen. Aber in ihrem Alter will Emilienne nicht mehr weichen und neu anfangen. Auch hier geht es um Heimat- und Identitätsverlust: Bagger reißen immer größere Löcher ins Stadtbild, die letzten Freundinnen verlassen den Ort, irgendwann ist Emilienne beim Krabbenpulen allein. Doch sie setzt weiterhin auf passiven Widerstand und sieht sich in einer Vision schon als Allerletzte ausharren: mit einem Bier, einer Zigarette – und dem Gerichtsvollzieher an ihrer Seite.

Text: Lars Penning

De Engel van Doel (Forum)
15.2., 20.00, Arsenal 1
17.2., 19.30, CinemaxX 4
18.2., 16.30, CineStar 8
19.2., 14.00, Delphi

Territoire perdu (Forum)
16.2., 15.45, Delphi
17.2., 12.30, Cubix 7
19.2., 22.30, Arsenal 1

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