Berlinale 2016

Gewinner des goldenen Bären: „Fuocoammare – Fire at Sea“

Sie ist zum Symbol für die Flüchtlingsbewegungen geworden, schon lange, bevor diese die volle Aufmerksamkeit der Weltpolitik bekamen. Lampedusa, die kleine italienische Insel zwischen Tunesien und Sizilien. Eine 20 Quadratkilometer große Rettungsboje für Hunderttausende. Regisseur Gianfranco Rosi, selbst im Alter von 13 Jahren von Eritrea nach Italien migriert, kontrastiert die teils banalen Alltagsszenen der Bewohner mit dem Überlebenskampf der Flüchtenden. Während auf See die Retter immer wieder Verzweifelte und Tote aus kenternden Booten ziehen, plagt sich an Land der zwölfjährige Samuele mit einer Sehschwäche herum. Er hat auf der linken Seite ein träges Auge. Es ist nicht trainiert genug, da Samuele bei der Steinschleuderjagd auf Vögel immer nur das rechte Auge benutzt. Nicht die einzige Metapher, die zeigt, dass Samuele für Politik und Bewohner der Festung Europa steht.
Besonders berührend – im Film, wie auch auf der anschließenden Pressekonferenz: Der Auftritt des Arztes Pietro Bartolo, der auf Lampedusa Tag für das Tag das Grauen erlebt, oft nur noch den Tod feststellen kann, wenn Frauen und Kinder aus dem Wasser geholt werden. Er erzählt von Geflüchteten, die dehydriert sind, deren Haut verbrannt ist vom Motorenbenzin, von Frauen, die an Bord gebären, um dann doch, gemeinsam mit dem Kind zu sterben.
In einer Szene untersucht Bartolo eine Schwangere, die Zwillinge erwartet. Er möchte das Geschlecht der Kinder feststellen, doch auf dem Ultraschall ist es nicht zu erkennen. „Sie haben Arme und Beine ineinander verschlungen. Wie soll man bei diesem Chaos noch durchblicken?“ Es ist einer der vielen Momente, die das Publikum zum Lachen bringen. Manchmal vielleicht etwas zu sehr – wenn die Drolligkeit Samueles so an Slapstick grenzt, dass es schwerfällt den Bogen zurück zum Grauen zu finden. Zumal Rosi hier keine Scheuklappen duldet. Selbst Sterbende nimmt der Italiener, der hier auch den Job des Kameramanns übernimmt, in den Fokus – eine Entscheidung, die ihm auch Kritik einbringt, in ihrer Radikalität aber in diesen Zeiten vielleicht schlicht notwendig ist.

Text: Lydia Brakebusch

Foto: 01 Distribution

Fuocoammare (Fire at Sea) Italien / Frankreich 2015, 108 Min., R: Gianfranco Rosi

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