Berlinale 2016

Gespräch mit Clemens Meyer

Gespräch mit Clemens Meyer

tip Herr Meyer, „Als wir träumten“ erschien 2006. Es hat eine Weile gedauert, bis es verfilmt wurde. Woran lag es?
Clemens Meyer Die ersten Anfragen kamen eigentlich bald nach Erscheinen des Buches, das zog sich dann aber eine Weile hin, bis etwas konkreter wurde. Andreas Dresen war damals noch gar nicht beteiligt, der kam dann, wie es manchmal so ist, ein bisschen um die Ecke. Er hatte früh Interesse gezeigt, wir hatten da aber schon einer anderen Produktion den Zuschlag gegeben, das ließ sich nicht realisieren, und so kam Dresen wieder auf den Plan.

tip Und damit auch der Autor Wolfgang Kohlhaase?
Clemens Meyer Es war klar, dass Dresen wieder mit ihm arbeiten würde. Das war so seine Idee, weil man dadurch noch einmal einen anderen Zugriff auf den Stoff haben könnte. Kohlhaase ist inzwischen ja über 80, hat aber Erfahrung im Umgang mit solchen Stoffen, wenn wir an „Berlin – Ecke Schönhauser“ in den 50er-Jahren denken. Ich hatte keinerlei Bedenken, ihn das machen zu lassen.

tip Der Film beginnt mit einer Szene, an deren Lektüre ich mich noch schmerzlich erin­nere: Zwei Freunde in einem ehemaligen ­Kino, einer ist vom Drogenkonsum am ­Ende, Dunkelheit und Trauer mischen sich mit Erinnerungen. Das an den Anfang zu stellen, fand ich absolut überzeugend.
Clemens Meyer Das war ja die große Frage: Wie steigt man ein? Im Roman ist das ein Schlüsselkapitel, von dort aus beginnt der Bogen. Kohlhaase hat gesagt, er will die „kunstvolle Anarchie“ des Romans – wie er das nannte – nicht zerstören, indem man eine Chronologie schafft. Das Kino ist ja auch ein starkes Bild: Mit dem Licht des Projektors beginnt die Erinnerung der Figuren und ermöglicht diesen seltsam anarchistischen und doch komponierten Rhythmus des Buches. Dresen und Kohlhaase haben das verstanden, ich musste mich da gar nicht mehr groß einmischen.

tip „Als wir träumten“ ist eine Geschichte von einer plötzlichen Beschleunigung der Zeit. Nicht alle der vier Freunde verkraften das, es geht ums Überleben. Der Erzähler ist einer, der überlebt. Sind das Sie selber?
Clemens Meyer Bin ich nicht. Ich bin der Autor, und ich habe Figuren erschaffen, jede dieser Figuren hat etwas von mir, manche mehr, manche weniger. Das Entscheidende war mein Wunsch, diese Zeit einzufangen. Ich spürte, dass da ein gewaltiges Dramenpotenzial drin ist in diesem Übermaß an Freiheit. Rico verschwindet am Ende im Gefängnis. Was mit dem Erzähler passiert, weiß man nicht. Alle sind entweder tot oder verschwunden. Im Roman erzähle ich über gut zehn Jahre, von 1985 bis 1995. Im Film reduziert sich das auf einige wenige Jahre, es wird nicht genau datiert. Es kommt ein Boxkampf zwischen Graciano Rocchigiani und Henry Maske vor, das kann man auf das Jahr 1995 datieren, da sind die Figuren schon relativ desillusioniert.

tip Wann fiel Ihnen Kohlhaase zum ersten Mal als Zuschauer auf?
Clemens Meyer In der Kindheit haben wir andere Sachen gesehen, DDR-Märchenfilme oder die Winnetou-Filme, die auch im Buch und im Film vorkommen. Die durften in der DDR erst in den 80ern gezeigt werden. Es ist also ein wenig paradox, dass ich mit denen aufgewachsen bin.

tip Haben Sie sich später mit dem DEFA-Erbe beschäftigt?
Clemens Meyer Ich war immer schon Filmfreund, mit 16, 17 habe ich auch angefangen, die DEFA-Filme aufzuarbeiten, und habe Kohlhaase dabei vor allem mit „Solo Sunny“ sehr schätzen gelernt. Er war ein Visionär.

tip Gibt es ein spezifisches Vermächtnis des DDR-Kinos, von dem der heutige deutsche Film etwas lernen könnte?
Clemens Meyer Da sind viele Sachen. Ein genauer Blick auf die Leute, etwas Semidokumentarisches, das an dieses alte sozialistische Ideal anschließt: Wir müssen Filme über den arbeitenden Menschen machen. Es gibt so eine Bildsprache, eine grobkörnige, ungeschminkte Ästhetik, vielleicht sogar so etwas wie Alltagspoesie. Dresen hat diese Tradition weiterentwickelt. Er ist vielleicht der Letzte, der sich noch in dieser Tradition sieht, und verbindet sie mit dem Weltkino.

tip Gewalt war tabu im DDR-Kino, in „Als wir träumten“ spielt sie eine große Rolle.
Clemens Meyer In den Arbeitervierteln gab es schon auch Gewalt, die DDR war ja ein Alkoholikerland, weil es auch die einzige Droge war, die verfügbar war. Man trank einfach. Es gab Versuche, das im DDR-Kino zu thematisieren, das wurde aber unterbunden.

Als wir träumten

tip So bricht das in „Als wir träumten“ regelrecht hervor.
Clemens Meyer Als wir einen Rohschnitt sahen, diskutierten wir danach, wie mit dieser einen Gewaltszene umzugehen wäre, in der der Erzähler zusammengeschlagen wird. Da hatte der Schauspieler schon viele blaue Flecken, die waren alle so drin in ihrer Rolle. Da beriet man sich, ob man da Musik dazugeben sollte. Diese Stelle ist ganz roh, aber besser: Schreien, Atmen, Rufe. Es gbt auch andere Szenen, wo das fast etwas Rhythmisches, Spielerisches bekommt. Autos kaputt fahren. Gewalt ist im Film eben auch immer Bewegung, Montage. Im Buch ist sie ein Element, von dem sie alle betroffen sind, daraus wird eine Untergangsspirale. Die einzige reglementierte Gewalt ist das Boxen. Rico hätte die Möglichkeit, schafft es aber nicht und geht wieder auf die Straße. Man muss sehen, dass sie auch Lust an der Zerstörung haben. Destruktion als großer Rausch, wenn sie aber auf die Schnauze kriegen, hilft nur noch Rennen. Es geht auch sehr stark um rivalisierende Gewaltmonopole. Man klaut gemeinsam und macht gemeinsam Mist, und dann wird man plötzlich gejagt. Vier Freunde versuchen sich in diesem Chaos zu behaupten.

tip War es schwierig, für das wilde Leipzig der Jahre nach 1990 Locations zu finden?
Clemens Meyer Ich bin vor zwei Jahren einmal mit Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase mit dem Auto durch Leipzig gefahren, wir sind über Zäune gestiegen und haben Bahnhofsgelände durchstreift. Dresen hat dann gesagt, dass ihm nicht wichtig ist, dass jede Türklinke original ist, wie das oft der Anspruch ist. Bei „Der Turm“ musste in jeder Szene ein Trabi im Bild stehen, damit niemand übersieht, dass wir jetzt in der DDR sind. Aber gut, das war auch Fernsehen. Dresen wollte nicht, dass wir jetzt in einer Geschichtsstunde sind, sondern das Flair einfangen, und das geht manchmal mit einer abgeranzten Neubauschule besser. Der Film hat einen eigenen Look, auch farblich.

tip Die Wende wird ausgespart.
Clemens Meyer Das finde ich gut. Im Buch habe ich dazu dann doch ein Kapitel gemacht. Das ist im Film weg, und das halte ich für eine gute Entscheidung. Das ist vielleicht das einzige Kapitel, auf das ich hätte verzichten können, aber auf 500 Seiten kann man das schon machen. Vielleicht hätte ich das aber nur aus dem Blickwinkel des Viertels machen sollen. Neulich habe ich das noch einmal durchgeblättert, da fand ich es dann aber doch gar nicht schlecht: Die Wende und diese kleinen Tore, die nichts begreifen. Man kann das ja alles nicht mehr hören, wie groß und toll das alles war.

tip Können Sie sich vorstellen, dass auch der jüngste Roman „Im Stein“ verfilmt wird?
Clemens Meyer Da geht es um Big Business, um großes Geld in der Rotlichtwelt. Es gibt Überlegungen, die gehen aber in Richtung Serie, da gibt es fantastische Komponenten: Figuren, die zugleich in der Realität und als Mythos existieren, ein Mr. Orpheus kehrt aus der Unterwelt zurück, hyperrealistische Interview-Passagen können neben Szenen stehen, wo eine Figur über den Friedhof wandert. Vielleicht könnte das etwas werden wie „Geister“ von Lars von Trier. Aber wer weiß, das kann ja vielleicht wieder zehn Jahre dauern.

Interview: Bert Rebhandl

Fotox: David von Becker, Rommel Film

Termine: Als wir träumten

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