Berlinale 2016

Gespräch mit David Oyelowo über den Oscar-Favoriten „Selma“

David Oyelowo

David Oyelowo ist 1976 in Oxford als Sohn nigerianischer Eltern geboren. Der Schauspieler ist in diesem Jahr gleich in zwei sehr interessanten Produktionen vertreten. In „Selma“ verleiht er Martin Luther King eine komplexe Präsenz und im März kommt „A most violent year“ in Deutsch­land ins Kino, der neue Film von J.?C. Chandor („Der große Crash“). Oyelowo spielt dort neben Oscar Isaac und Jessica Chastain.

tip Mr. Oyelowo, hier im Gespräch hört man ganz eindeutig, dass Sie aus Großbritannien stammen. Sorgte es in den USA für Ärger, dass ausgerechnet ein Engländer Martin Luther King verkörpert?
David Oyelowo?Den Eindruck hatte ich nicht. Wütend wäre man dort vermutlich nur geworden, wenn der Film nicht funktioniert hätte. Mir war natürlich klar, dass ich mich mit der Rolle einem gewissen Druck und Risiko aussetze.

tip War es denn gerade das Risiko, eine solche historische Ikone zu spielen, das Sie an der Rolle gereizt hat?
David Oyelowo Gerade weil ich eben kein Amerikaner bin, habe ich dieses Risiko selbst kaum bewusst empfunden. Obwohl ich Dr. King immer bewundert habe und wusste, wer er war und wofür er steht, ging ich an die Rolle nicht aus einer Position heran, die mir eine wirkliche Annäherung vor lauter Respekt unmöglich gemacht hätte. Viele Afroamerikaner können von sich behaupten, dass ihr Großvater noch mit ihm marschiert sei oder ihre Großmutter neben einem Bild von Jesus auch eines von King auf dem Nachttisch stehen hatte. Das war bei mir nicht der Fall.

tip Hatten Sie dennoch einen persönlichen Bezug zu ihm?
David Oyelowo Ich teile seinen christlichen Glauben und fand darüber auch auf Anhieb einen Zugang zu ihm, als ich das Drehbuch las. Ich teile auch seine Überzeugungen, die aus diesem Glauben hervor­gingen. Ich bewundere auf­opfernde Liebe. Ich bewundere den Gedanken, dass Liebe eine Waffe gegen Hass sein kann. Das sind alles Dinge, die mich beeindrucken und über die ich nicht nur sprechen will, sondern nach denen ich auch leben möchte. Deswegen war es mir so wichtig, King als Menschen zu zeigen und nicht als Ikone, als die er sich ja auch selbst nicht gesehen hat.

tip Sie haben zur Vorbereitung mit vielen Wegbegleitern Kings gesprochen. Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesen Begegnungen gezogen?
David Oyelowo Das Wichtigste waren tatsächlich die Einblicke, die ich in seine Menschlichkeit bekommen habe. Wenn man sich Kings Reden anhört, ist seine moralische Überzeugung so deutlich und so klar, dass nichts sie trüben könnte. Aber diese Leute waren seine Freunde, sie kannten ihn als einen Witzbold, er lachte gern, war manchmal unsicher. Das sind alles Dinge, die einen überraschen: Dr. King ein Witzbold? Unsicher? Dadurch, dass wir das zeigen, kann man sich auch als Zuschauer in ihm wieder­erkennen – und so realisieren, dass in jedem von uns das Potenzial zu solch menschlicher Größe steckt. Egal, wer oder was wir sind.

tip Unsere Gesellschaft heute ist mit der der Sechziger­jahre nicht vergleichbar. Aber es gibt genügend soziale Miss­stände, gegen die man kämpfen könnte. Glauben Sie, dass wir heute noch jemanden wie King brauchen würden? Würde man ihm überhaupt zuhören?
David Oyelowo Na ja, ich denke, wenn man uns einen zweiten Dr. King gäbe, würden wir nicht nein sagen. In Amerika finden gerade jetzt viele Proteste statt, zum Beispiel hinsichtlich Ferguson oder des Freispruchs für den Polizisten, der Eric Garner getötet hat. Doch was dort heutzutage fehlt, ist eine klare Artikulation dessen, was die Protestierenden überhaupt wollen. Sicher, alle sind wütend. Aber was genau sind die Forderungen? Dr. King war so brillant, weil er den Demonstrationen wie damals in ­Selma eine Richtung und eine Stimme gab. Ich sehe heute niemanden, der etwas Ähnliches tut.

tip Also fehlt tatsächlich ein neuer Martin Luther King?
David Oyelowo Nein, denn jemanden wie ihn oder Mandela oder Gandhi gab es nur einmal. Das waren einzig­artige Individuen. Wir können nicht darauf warten, dass wieder jemand wie sie auftaucht. Denn was machen wir, wenn nie wieder so jemand auftaucht? Akzeptieren wir dann Rassismus und Ungerechtigkeit? Nein. Vielleicht sind soziale Medien tatsächlich für eine neue Form von Protest gut, in der man sich sehr schnell Gehör verschaffen kann. Aber wie effektiv das ist, ist eine andere Frage. So oder so: Wir können nicht warten, sondern müssen die Sache selbst angehen.

Selma

tip Sind Sie inzwischen eigent­lich amerikanischer Staatsbürger?
David Oyelowo Nein, ich lebe dort mit einer Green Card. Aber zwei meiner vier Kinder wurden in Amerika geboren und sind also Amerikaner. Unsere Familie wird immer amerikanischer.

tip Machen Sie sich Sorgen? Von außen betrachtet wirkt es bisweilen erschreckend, wohin sich die US-Gesellschaft entwickelt.
David Oyelowo Absolut. Solche Fälle von Polizei­gewalt wie in Ferguson zeigen, dass das Leben Schwarzer scheinbar weniger wert ist als das Weißer. Was für eine schreckliche Botschaft! Aber wenn diese Ereignisse etwas Gutes haben, dann, dass Amerika sich endlich bewusst ist, dass wir nicht in einer post­rassistischen Gesellschaft leben. Nur weil es endlich einen schwarzen Präsidenten gibt, heißt das nicht, dass die Hautfarbe plötzlich keine Rolle mehr spielt. Als Obama Präsident wurde, gab es unter den Weißen vielleicht die Vorstellung, dass jetzt alle Schulden getilgt seien. So nach dem Motto: Jetzt habt ihr einen schwarzen Präsidenten, also seid zufrieden und lasst uns das Thema Sklaverei ein für alle Mal vergessen.

tip So, als sei über Nacht alles gut?
David Oyelowo Genau. Dabei ist in Wahrheit natürlich noch lange nicht alles gut. Und ich glaube auch, dass manche der sozialen Unruhen, wie wir sie aktuell erleben, sogar damit zu tun haben, dass Amerika einen schwarzen Präsidenten hat. Es gab sicher Menschen, die dachten, dass die ersten vier Jahre so etwas wie ein Unfall waren. Aber noch einmal vier Jahre? Damit scheinen sich einige nicht abfinden zu können, denn ihnen behagt die Vorstellung nicht, dass Teile der Bevölkerung wohl tatsächlich Veränderung wollen. Dass wir Schwarzen es uns nicht ausdenken, dass es in den USA noch immer rassistische Ungerechtigkeit gibt, wird inzwischen jedenfalls immer mehr Menschen klar.

Interview:
Patrick Heidmann

Fotos: Atsushi Nishijima / MMXIV Paramount Pictures / Studiocanal

Termine: Selma

Mehr über Cookies erfahren