Berlinale 2016

Goldener Bär geht in den Iran

Jodaeiye Nader az Simin

In einer feierlichen Gala im Berlinale-Palast wurden am Samstagabend (19.02.) die Preise der 61. Berlinale vergeben. Großer Gewinner ist der iranische Film „Jodaeiye Nader az Sidim“. In einer Serie glücklicher Entscheidungen sprach die Jury unter Isabella Rossellini dem Film nicht nur den Goldenen Bären zu, sondern auch die Silbernen Bären für die beste weibliche Schauspielerin und den besten männlichen Schauspieler – und zwar gleich für das gesamte Ensemble.
Die Preise für Asghar Farhadis Werk rückten, das war sicher ein nicht ganz unbeabsichtigter Nebeneffekt, ein letztes Mal die Unterdrückung der iranischen Opposition als Thema in den Mittelpunkt des Festivals. 
Am Galaabend hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick den freien Jury-Stuhl für den in seiner Heimat mit drakonischen Strafen belegten Regisseur Jafar Panahi noch einmal deutlich sichtbar auf der Bühne  platziert.
Farhadis Film adressiert die politischen, sozialen und familiären Fragen in seinem Film allerdings so komplex, dass er in diesem Kontext nicht einfach aufgeht. Ständig in Bewegung untersucht er in einer weiter ausgreifenden Familiengeschichte die Zerrissenheit der iranischen Gesellschaft, mit Blick auf die sozialen, religiösen oder aufgeklärten Motive, die seine Protagonisten antreiben. Das Bild, das dabei in einer Vielzahl von juristischen, familiären, heimlichen und halböffentlichen Verhandlungen entsteht, macht die Konflikte sichtbar, ohne sie in einer falschen Versöhnung aufzuheben.
Hauptpreise gingen auch an deutsche Filmemacher: Regisseur Ulrich Köhler erhielt für seinen Wettbewerbsbeitrag „Schlafkrankheit“ den Silbernen Bären für die beste Regie. Köhler bedankte sich mit einer  dreisprachigen Dankesadresse, die gut zur Weite des Horizonts seiner Arbeit passte. „Schlafkrankheit“ dehnt den Rahmen des Neuen Deutschen Kinos bis in den nachtschwarzen Urwald Kameruns und findet dort die Geschichte zweier Männer, die beide in der Begegnung mit Afrika ihre Identität in Frage gestellt sehen. Freuen konnte sich auch Andres Veiel, der für seinen Ensslin-Vesper-Baader-Film „Wer wenn nicht wir“ mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven im Kino ausgezeichnet wurde.
Das Wettbewerbsprogramm der Berlinale bot in diesem Jahr verstärkt Filmemachern eine Plattform, die in der internationalen Festivallandschaft noch nicht arriviert sind oder, wie Bela Tarr, seit Jahrzehnten marginale Positionen besetzen. Auch den Silbernen Bären für den ungarischen Regisseur, der sich der Danksagung auf der Bühne mit einem geschwinden Schwenk entzog, kann man als Auszeichnung für eine absolut eigensinnige Perspektive lesen. Es scheint tatsächlich, der größte Berlinale-Coup dieses Jahres war, die passende Jury zu finden, interessiert an offenen Formen, an unauflösbaren Konflikten und an Phantasien, in denen sich Menschen wie in „Schlafkrankheit“ in der Kameruner Nacht in Nilpferde transformieren – und am Ende mit einem Berlinale-Bär erwachen.

Text: Robert Weixlbaumer

Die Liste der Preisträger:

Goldener Bär für den besten Film:
Jodaeiye Nader az Simin (Nader And Simin, A Separation) von Asghar Farhadi

Silberner Bär – Großer Preis der Jury:
A torinуi lу (The Turin Horse) von Bйla Tarr

Silberner Bär – Beste Regie:
Ulrich Köhler für Schlafkrankheit (Sleeping Sickness)

Silberner Bär – Beste Darstellerin:
An das Schauspielerinnen-Ensemble in Jodaeiye Nader az Simin (Nader And Simin, A Separation) von Asghar Farhadi
Sarina Farhadi , Sareh Bayat , Leila Hatami

Silberner Bär – Bester Darsteller:
An das Schauspieler-Ensemble in Jodaeiye Nader az Simin (Nader And Simin, A Separation) von Asghar Farhadi

Silberner Bär – Herausragende Künstlerische Leistung
Wojciech Staron für die Kamera in El Premio (The Prize) von Paula Markovitch
ex aequo
Barbara Enriquez für das Production Design in El Premio (The Prize) von Paula Markovitch

Silberner Bär – Bestes Drehbuch:
Joshua Marston und Andamion Murataj für The Forgiveness Of Blood (The Forgiveness Of Blood) von Joshua Marston

Alfred-Bauer-Preis:
Wer wenn nicht wir (If Not Us, Who) von Andres Veiel

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