Berlinale 2016

Im Wettbewerb der Berlinale 2011: „Jodaeiye Nader az Simin“

Jodaeiye Nader az Simin

Das exemplarische Eintreten der Berlinale gegen die Unterdrückung der künstlerischen und politischen Opposition im Iran hat die Erwartungen an „Jodaeiye Nader az Simin“ (Nader und Simin – eine Trennung) des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi („About Elly“) im Vorfeld noch weiter hochgeschraubt. Dass sein Film sich nun ganz für sich selbst und hochsouverän in diesem aufgeladenen Bedeutungsfeld behauptet, ist eine der schönen Überraschungen des Festivals. Packend, dicht und mit stetig wachsender Komplexität verhandelt Farhadi spezifisch iranische Konflikte – aber zugleich darüber hinaus greifende Fragen von Schuld und Verantwortung.
Sein Setting hat eine Familie im Zentrum, die im Begriff ist, auseinander zu fallen. Nader und Simin, von denen der Titel spricht, lernt man bei einem Scheidungstermin beim Familienrichter kennen, die erste von zahlreichen formellen und informellen Verhandlungen, Arrangements und Gerichtsterminen, die den Lauf des Films prägen. Modellhaft ist schon da, dass die Motive für die Scheidung, die Simin anstrebt, nicht in die Sprache des Gesetzes zu fassen sind, das nur drei Gründe (Gewalttätigkeit, Drogensucht oder Zahlungsunwilligkeit des Ehemanns) für eine legale Trennung gelten lässt. Simin aber will eigentlich nur mit Mann und der zwischen beiden hin- und her gerissenen, halbwüchsigen Tochter aus dem Iran ausreisen, mit einem Visum, das bald abläuft. Doch weil ihr Mann nicht einwilligt, braucht sie nun eine beurkundetete Trennung. Nader hingegen will seinen alzheimerkranken Vater nicht verlassen, selbst wenn er schon die größten Schwierigkeiten hat, dessen Pflege im gemeinsamen, bürgerlichen Heim auch nur für eine Woche alleine zu organisieren.
In seinem Ungeschick engagiert er eine strenggläubige Frau aus prekären Verhältnissen, die ein paar Tage später nach einem Streit an der Wohnungstür im Krankenhaus endet, was wiederum den gewiss nicht ganz unschuldigen Nader vor Gericht bringt. Bürgerliche und fundamentalistische Codes, Sharia-Gesetz, Familien-Loyalität, Ehrgefühl und eheliche Solidarität sind nur einige der Ebenen, die sich ineinander verschränken und für immer neue Wendungen in der Erzählung sorgen, während sich langsam die juristische und moralische Wahrheit aus den wechselnden Darstellungen herausschält. Es geht um Recht, Unrecht, um die Herstellung von Gerechtigkeit, um Lügen, die einen vielleicht vor dem Buchstaben des Gesetzes bewahren und um das, was dazwischen liegt.
Farhadi verknüpft diese Fäden meisterlich zum Familien- und Sozialpanorama, vor allem aber wird er dabei allen involvierten Parteien gerecht. Immer behält er ein Verständnis für die Rahmenbedingungen ihres Handelns und ihre Motive, zeichnet sie mit seinem großartigen Schauspielerensemble fein nuanciert, auch wenn es keine Illusion darüber gibt, dass ihre Widersprüche auf irgendeiner Ebene wirklich versöhnt werden könnten. – Asghar Farhadi wird man bei der Bärenverleihung am Samstag wieder sehen.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Jodaeiye Nadar az Simin (Iran 2011); Regie: Asghar Farhadi; Darsteller: Leila Hatami (Simin), Peyman Moadi (Nader), Shahab Hosseini (Hodjat), Sareh Bayat (Razieh); 123 Minuten

Jodaeiye Nadar az Simin  (Wettbewerb)
16.02., 09.30, Friedrichstadtpalast
16.02., 20.00, Urania
20.02., 22.30, Urania

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