Berlinale 2016

Im Wettbewerb der Berlinale 2011: „V subbotu“

V subbotu

Valery läuft dem Wagen mit den Parteifunktionären hinterher, der in der Nacht aus Prypjat zum Kraftwerk hinausfährt, durch das Verwaltungsgebäude, in dem hysterische Männer die Realität nicht wahrhaben wollen. „Kapiert ihr nicht, dass so etwas nicht sein kann! Der Reaktor ist störungsfrei!„, aber der Block 4 von Tschernobyl ist längst explodiert und strahlt mit der Kraft einer Atombombe. 26. April 1986. SuperGAU. Valery läuft und läuft. Weg vom brennenden Reaktor. Läuft und läuft, atemlos, stolpernd, über die leeren Straßen zurück in die Stadt, zu dem Mädchen, das er schon Jahre küssen will, läuft zum Bahnhof mit ihr, um einen Zug zu bekommen, der sie beide vor der unsichtbaren Strahlung retten könnte, vor den Isotopen, die mit den Rauchwolken aus dem brennenden Kern in die Luft steigen. Erst 36 Stunden nach der Explosion wurde die Stadt Prypjat geräumt. Einen unschuldigen Samstag lang lebten die Menschen mit Blick auf den SuperGAU weiter, bis sie endlich evakuiert wurden. Alexander Mindadze geht in „V subbotu“ so nahe an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ran, dass seine Chronik der Ereignisse selbst kontaminiert scheint, das Faktenmaterial zu einem wattigen, immer taumelnderen Alptraum wird. Valery, der kleine Parteifunktionär, ist der Bote, dem man folgt. Das Wissen, das er hat, teilt er mit seinem Mädchen, aber als die Flucht zum Bahnhof im Samstagsmorgengewusel auf den Straßen gescheitert ist, dreht „V subbotu“ die ganze Dynamik gegen die Figuren selbst, sieht zu wie ihr Kern selbst schmilzt, an einem langen Tag und der darauf folgenden Nacht.
Die Methode, mit der Mindadze davon erzählt, ändert sich dabei nicht: Er bleibt mit seiner Kamera ganz nah an den Figuren dran, die spüren, dass ihre Zukunft an diesem Tag zerbricht, und darauf abwechselnd hysterisch oder defaitistisch reagieren. Aber der Gewinn, den der Film mit seiner genauen Beobachtung der Reaktionen zu Beginn herstellt, geht ihm in dieser Nähe auch zunehmend wieder verloren.
Das atemlose Sammelporträt verwandelt sich in eine mehr und mehr gleichnishafte Erzählung über die Erfahrung von Endlichkeit. Tschernobyl wird zum pittoresken Katastrophen-Hintergrund einer Odyssee, die ihren Passagieren am Ende noch einen Blick ins strahlende Herz der Finsternis beschert.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Annehmbar

V subbotu (Russland/Deutschland/Ukraine, 2010); Regie: Alexander Mindadze; Darsteller: Anton Shagin, Svetlana Smirnova-Marcinkevich, Stanislav Rjadinsky; 99 Minuten

V subbotu (Wettbewerb)
14.02., 16.00, Berlinale Palast
15.02., 09.30, Friedrichstadtpalast
15.02., 20.30, Friedrichstadtpalast
15.02., 22.30, International
20.02., 20.00, Urania

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