Berlinale 2016

„Inhebbek Hedi“

Hedi ist nicht zu beneiden. Das Leben des jungen Tunesiers hat dessen Mutter (großartig: Sabah Bouzouita) voll im Griff. Die Braut ist ausgesucht, die Hochzeit vorbereitet, das obere Stockwerk ihres Hauses für das junge Paar ausgebaut. Mit eigenem Eingang. Man will ja nicht stören. Das junge Paar soll ja bald Kinder bekommen. Den erfolgreichen älteren Bruder Frankreich und eine teure Uhr wirft die Mutter als gewiefte Familienmanagerin – ihr Mann ist gestorben – beim Besuch der künftigen Schwiegereltern auch noch mit den Deal, damit aus der Sache mit der Hochzeit auch sicher etwas wird.
Ein paar finanzielle müssen sein, denn Hedi ist alles andere als ein Held, eher ein Hasenfuß. Nicht nur, dass seine Mutter die Masterplanerin seines Lebens ist. Er traut sich auch nicht,  bei seinem Chef den Urlaub für die Hochzeitsreise durchzusetzen. Was sicher mit daran liegt, dass er in seinem Beruf als Peugeotverkäufer nichts reißen kann. Und so lässt er sich auch in der Woche vor der Hochzeit auf Dienstreise nach Mahdia schicken.
„Wir werden uns schon daran gewöhnen“ erklärt er seiner hübschen und durchaus verständnisvollen Braut Khedija, als es um die lange Strecke geht, die er bald jeden Tag zur Arbeit zurücklegen muss. Sich irgendwie daran zu gewöhnen, Dinge zu tun, die man eigentlich nicht machen möchte,  könnte man Hedis Lebensmotto nennen. Sein einziger Ausbruch: Comics zeichnen, aber nur privat.
Regisseur Mohamed Ben Attia, geboren 1976 in Tunis, nimmt sich viel Zeit, um diese Ausgangssituation darzulegen. Erst als Hedi auf diese Dienstreise geht – und da ist schon die Hälfte des Films vergangen – kommt Bewegung in die Geschichte. Hedi, der in Mahdia in einem fast leeren Hotel am Meer untergebracht ist,  verliebt sich in die Touristenbetreuerin Rim. Soll er trotzdem noch heiraten? Oder mit Rim das Land verlassen? Sich dem Willen der Mutter widersetzten? Plötzlich hat der antriebslose Hedi jede Menge Konflikte zu bewältigen. Eine Lage, die der Film relativ deutlich als Gleichnis auf die Revolution in Tunesien und die daraus folgenden politischen Umwälzungen bzw. die Rückkehr zu den traditionellen Verhältnissen benennt.
Ein ambitionierter Film, übrigens von Jean Pierre und Luc Dardenne koproduziert, der den Protagonisten und der Darstellung ihrer unterschiedlichen Gefühlslagen erfreulich viel Raum gibt. Einerseits. Andererseits ist „Inhebbek Hedi“ aber so konventionell erzählt und sind die Konflikte der Hauptfigur und die Umschwünge der Story so vorhersehbar, dass er nicht das Format zu einem großen Gesellschaftspanorama des gegenwärtigen Tunesiens hat.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Frederic Noirhomme © NOMADIS IMAGES-LES FILMS DU FLEUVE–TANIT FILMS

Termine für „Inhebbek Hedi“

Hedi (Inhebbek Hedi), Tunesien/Belgien/Frankreich 2016; R: Mohamed Ben
Attia, D: Majd Mastoura (Hedi), Rym Ben Messaoud (Rim), Sabah Bouzouita
(Baya); Omnia Ben Ghali (Khedija); 88 Min.

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