Berlinale 2016

Iranisches Kino auf der Berlinale 2011

Talaye Sorkh

Das iranische Kino befindet sich zurzeit im Ausnahmezustand, weil die Regierung seit 2009 keinen Filmemacher im Iran wirklich arbeiten lässt. Die großen renommierten Regisseure wie Abbas Kiarostami, Majid Majidi oder Jafar Panahi, der jetzt zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden ist, haben ihre jüngsten Filme dort vor drei, vier oder fünf Jahren gemacht; der Regisseur Bahman Ghobadi hat beschlossen, den Iran zu verlassen, weil er dort keine Filme mehr machen kann.
Die Zensurbehörde lehnt fast jede größere Produktion ab, die Filmindustrie steht somit auf Stopp, und es geht nicht voran. Für ein Land, dem das Kino so wichtig ist wie dem Iran, und das für eine so große renommierte Kinotradition steht, ist das ein Riesenschlag. Das iranische Kino fehlt seither auf den großen Festivals. Auf dem jüngsten Sundance-Festival gab es nur einen Beitrag von der iranisch-amerikanischen Regisseurin Maryam Keshavarz und meinen eigenen Beitrag „The Green Wave“. Beide Filme behandeln das Thema Iran, sie sind aber nicht im Iran, sondern im Ausland entstanden. In dieser Situation ist es wichtig, dass darauf aufmerksam gemacht wird, beispielsweise wie das nun im Zusammenhang mit dem Urteil gegen Jafar Panahi geschieht.
Jafar PanahiDass sich Festivals wie jetzt die Berlinale solidarisch erklären und Panahi (Foto links) ein Platz in der Jury freigehalten wird, ist mehr als nur eine Geste. Denn egal, ob klein oder groß: Es ist die einzig mögliche Reaktion der Festivals auf die Entscheidung des Teheraner Gerichts. Dort wurde ein Künstler verurteilt, der in keiner Weise gegen die iranische Verfassung verstoßen hat, von einer Regierung, die die UN-Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet hat. Wenn europäische Regierungen wie die deutsche nun mit Iran über Themen wie Nuklearwaffen diskutieren, kann das nie abgekoppelt von der Menschenrechtsfrage geschehen. Denn wenn die iranische Regierung die Rechte der eigenen Bevölkerung missachtet, warum sollte sie es der Weltvölkergemeinschaft gegenüber nicht auch tun?
Die Festivalleitungen wie die Berlinale oder zuvor Cannes üben Kritik an solchen unrechtmäßigen Vorgängen – zu mehr als solchen symbolischen Bewegungen haben sie auch keine Möglichkeit. In der Sache geht es nicht nur um Jafar Panahi, sondern um sämtliche iranische Filmschaffende. Panahi, der nun verfolgt wird, ist dabei natürlich ein wichtiges Aushängeschild. Wenn mit einer derart namhaften Persönlichkeit wie ihm auf diese Art umgegangen wird, kann man sich denken, dass mit weniger bekannten Menschen sehr viel härter umgegangen wird. Entsprechend gibt es fast keinen Filmemacher mehr, der im Iran arbeitet.
Aber auch, wenn man wie ich im Ausland lebt, ist man von der iranischen Zensur beeinflusst. Für „The Green Wave“ konnten wir ja nicht in den Iran reisen und Bilder machen; wir konnten die Geschichte über die Ereignisse vor und nach der Wahl 2009 nicht so erzählen, wie wir es unter normalen Umständen getan hätten. Auch „Women Without Men“ von Shirin Neshat, die seit 30 Jahren in New York lebt, ist auf ähnliche Weise aus der Distanz entstanden. Zur Zeit verbreitet sich das Wissen, dass Filmschaffende und Journalisten ins Gefängnis kamen, gefoltert und vergewaltigt wurden; im Grunde wurde nach den Protesten jeder, der eine Kamera zückte, festgenommen.
OffsideUnter solchen Voraussetzungen ist auch „The Green Wave“ entstanden, in dem wir trotz allem versuchen, die Ereignisse im Iran 2009 darzustellen – und der auf irgendwelchen Wegen auch sein Publikum im Iran finden wird; es wird sicher nicht lange dauern, bis die ersten schwarz gebrannten Kopien des Films in Teheraner Straßen landen. Es gibt derzeit auch andere Filmemacher, die versuchen, mit diesen derart limitierten Möglichkeiten Filme zu realisieren, die andere filmische Darstellungsmittel einsetzen, um von den Vorgängen im Land zu erzählen, Animation zum Beispiel, so wie das Marjane Satrapi in „Persepolis“ gemacht hat. Auf lange Sicht aber wird dies sicher keine Lösung sein für die iranische Gesellschaft und für den iranischen Film. Es ist eine Form eines Beitrags zum Kino, der aber nicht abdecken kann, was die iranische Gesellschaft braucht: nämlich eine Kunst, die in die Gesellschaft eingebettet und mit ihr verknüpft ist.

Text: Ali Samadi Ahadi

Der Filmemacher Ali Samadi Ahadi („Salami Aleikum“, „Lost Children“) wurde 1972 in Tabriz, Iran geboren und lebt heute in Köln. Sein Dokumentarfilm „The Green Wave“ über die Ereignisse nach den Wahlen 2009 in Iran startet am 24. Februar in den deutschen Kinos

Im Rahmen der Eröffungsfeier der 61. Berlinale verlas Jury-Präsidentin Isabella Rossellini einen offenen Brief des iranischen Filmemachers Jafar Panahi. Der Brief wurde auch auf der Homepage der Berlinale veröffentlicht.

Jodaeiye Nader az Simin (Wettbewerb)
15.2., 16.00, Berlinale Palast
16.2., 9.30, Friedrichstadtpalast
16.2., 20.00, Urania
20.2., 22.30, Urania

Bad o meh (Generation Kplus)
16.2., 15.00, Haus der Kulturen der Welt 1
18.2., 10.00, Filmtheater am Friedrichshain
20.2., 12.30, Haus der Kulturen der Welt 1

Filme von Jafar Panahi auf der Berlinale 2011

Offside (Wettbewerb)
11.2., 16.30, Berlinale Palast
12.2., 17.30, Urania

Badkonak-e-sefid – Der weiße Ballon (Generation Kplus)
14.2., 16.30, Haus der Kulturen der Welt 2

Talaye sorkh – Crimson Gold (Forum)
12.2., 11.00, CineStar 8

Dayereh – Der Kreis (Panorama)
17.2., 17.45, CineStar 3

Diskussion
17.2., 14.00, HAU 1
Panel mit iranischen Filmemachern und Künstlern zu den Themen Zensur und Einschränkung der Freiheit und der Meinungsäußerung im Iran.

Infos zu allen Filmen finden Sie in unserem tip-Extra „Berlinale Komplett“

Foto von Jafar Panahi: Ali Gandhtschi (Berlinale 2006)

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