Berlinale 2016

Japanese Indies from the Punk Years

Japanese Indies from the Punk Years

Laufstreifen krakeln über den Bildkader, auf der Tonspur setzt sich ein nerviges Tinnitusklingeln gegen Knattern und Rauschen durch, ein junger Mann in einem roten Plastikregenmantel hopst durchs Bild. Bald landet er, gemeinsam mit weiteren jungen Männern in weißen Kitteln, die ihm aus unerfindlichen Gründen ans Leder wollen, in einem schmutzigen Tokioter Kanal. Man kreischt und zappelt was das Zeug hält – bis Wasserkobolde aufmerksam werden. Das ist aber erst der Anfang von „A Man’s Flower Road“, Sion Sonos 1986 entstandenem ersten Langfilm, und harmlos verglichen mit dem, was sich in der Folge im Elternhaus des damals 24-Jährigen noch so alles abspielen wird. Ein Homemovie der anderen Art, schier berstend vor Bewegungsdrang, anarchisch, hysterisch und so anstrengend wie faszinierend. Flankiert wird das wilde Werk vom nicht minder wüsten Halbstünder „I am Sion Sono!!“, mit dem sich der Filmemacher zwei Jahre zuvor dem geneigten Publikum weniger vorstellte, als dass er ihm an die Gurgel sprang.
Zu bestaunen sind beide Werke nun im Rahmen der Reihe „Hachimiri Madness: Japanese Indies from the Punk Years“, in der das Forum Ausgrabungen aus den frühen Schaffensphasen von mittlerweile etablierten japanischen Filmemachern präsentiert. Neben Sono sind Sogo Ishii, Shinya Tsukamoto, Akira Ogata, Masashi Yamamoto, Nobuhiro Suwa, Katsuyuki Hirano, Makoto Tezka und Shinobu ?Yaguchi mit Arbeiten aus den Jahren 1977-1990 vertreten – viele sind erstmals außerhalb Japans zu sehen, alle wurden für die von Keiko Araki (PIA Tokio), Jacob Wong (Hong Kong Film Festival) und Christoph Terhechte (Forum) kuratierte Reihe eigens digitalisiert und untertitelt. In den Bildzustand wurde dabei freilich nicht eingegriffen, schließlich handelt es sich hier nicht nur um historische Dokumente, sondern tatsächlich um filmischen Punk. Wahnsinn auf 8mm-Film also, der als solcher goutiert werden will. Als Regelverstoß und Innovation, als Experiment und Energie. Was kümmern technische Fehlbarkeiten wie Unschärfe und übersteuerter Ton, wenn die Handkamera über Stock und Stein poltert, im Schlepptau junger Menschen, die voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft ihr Herzblut vergießen?
Wie zum Beispiel der bedauernswerte Teramitsu in Sogo Ishiis „Isolation of 1/880000“ (1977), der auf die Tokyoter Elite-Uni Waseda will, sich aber nicht auf die Vorbereitungen für die Aufnahmeprüfung konzentrieren kann – weil die Nachbarn mal wieder Lärm machen und die Frau gegenüber sich schon wieder auszieht.
Der rebellische Gestus, der sich gegen das selbstzufriedene Japan der wirtschaftlichen Aufschwungsjahre richtet, ist den Filmen der Reihe gemeinsam. Masashi Yamamoto lässt in „Saint Terrorism“ (1980) ein Mädchen auf Passanten schießen, während Katsuyuki Hirano in „Happiness Avenue“ (1986) eine lärmende Performance-Truppe durch eine Kleinstadt jagt. Getöse und Krawall allerorten. Das Kino, das „Hachimiri Madness“ versammelt, ist eines der kreativen Offensive: Es mag nicht immer leicht auszuhalten sein, weil es auf die Narration pfeift, aber es ist auf eine schöne und rar gewordene Art ungezähmt und frei.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Berlinale

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