Berlinale 2016

Jeff Bridges im Interview

Jeff Bridges

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ mehr oder minder sich selbst spielte. Gewiss, der Verdacht liegt nahe. Immerhin trug er als Dude seinen privaten Lieblingsbademantel, und bis heute ist er auch kein Kostverächter, wenn eine Zigarette der lustigen Sorte die Runde macht. Wann immer man Bridges so begegnete im Lauf der letzten 20 Jahre, traf man einen Zenmeister der Gemütlichkeit, der endlos amüsiert schien vom Brimborium um seinen Beruf und nie in Eile, unnachahmlich zerknautscht intonierte Sätze zu Ende zu bringen. Zufall ist es nicht, dass der Mann mit dem Honigkuchengrinsen neulich das Cover des Buddhisten-Magazins „Tricycle“ zierte. Bridges meditiert seit Jahrzehnten. Doch nur weil er stets so entspannt ist, dass man zwischenzeitlich seinen Puls fühlen möchte, ist er nicht Hollywoods letzter Hippie. Läuft die Kamera, machen Körpersprache und konzise Kommandos unmissverständlich klar, wie viel Vorbereitung und Ambitionen er tatsächlich in Figuren steckt. Die Arbeit nebensächlich aussehen oder komplett verschwinden zu lassen, das war von Beginn an die subtile Stärke des heute 61-Jährigen — auch den Oscar für „Crazy Heart“ hat er sich damit verdient. Zweimal traf ihn der tip Ende vergangenen Jahres in Los Angeles wieder, um über zwei Filme zu sprechen, die wunderbar die ungebrochene Neugier des Veteranen demonstrieren. Im Western „True Grit“, mit dem die Gebrüder Coen am 10. Februar die Berlinale eröffnen werden, zitiert er als versoffener, raubeiniger Marshal die Traditionen des US-Kinos, während er zeitgleich nach drei Jahren Vorbereitung im High-Tech-Geschoss „Tron Legacy“ (Kinostart: 27. Januar) gegen sein jüngeres Ich aus dem Computer antritt. So steht Bridges mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Zukunft – und erstmals in seiner Laufbahn mittendrin im Zeitgeist, nachdem sich „True Grit“ und „Tron Legacy“ als größte Hits der Saison entpuppten. Jeff Bridges, Superstar. Dass man das noch erleben darf. Oder um ihn zu zitieren: „It’s crazy right now, man!“

Jeff Bridgestip Mr. Bridges, beim Gewinn Ihres Oscars für „Crazy Heart“ scherzten Sie, dass nun Ihr Außenseiterstatus verlorenzugehen drohe. Wie schlecht ist es seither um Ihre Karriere bestellt?
Jeff Bridges (lacht)?Auf einmal passiert alles sehr schnell, und ehe man sich’s versieht, hat man sich an das Tempo gewöhnt. Einen Tag nach den Academy Awards begann ich den „True Grit“-Dreh, gefolgt von der langen Postproduktion für „Tron Legacy“. Es schlaucht, Mann, naturgemäß bin ich lieber ein fauler Hund. Aber zugleich sind all diese Jobs einfach zu cool, um sie ablehnen zu können. Wenn die Coens klingeln, findet jeder Schauspieler Zeit, ihre Bücher sind sprachlich so ausgefeilt wie von einem amerikanischen Shakespeare. Das Beste an „Crazy Heart“ war übrigens gar nicht der Oscar, sondern das daraus erwachsene Interesse an meiner Musik. Seit 40 Jahren spiele ich Songs. Dank des Filmes gehe ich nun erstmals ins Studio, um mit meinem Buddy T-Bone Burnett ein Album aufzunehmen.

tip … der für die Coens den Hit-Soundtrack zu „Oh Brother, Where Art Thou?“ produzierte …
Jeff Bridges … noch dazu brachte er den beiden Jungs das Spielen mit der Mandoline bei. Ethan ist inzwischen ziemlich gut und bringt schon mal die Crew zum andächtigen Schweigen.

tip Wird er auch auf Ihrem neuen Album zu hören sein?
Jeff Bridges Nein, ich spiele mit Jungs, mit denen ich teilweise schon seit Jahrzehnten jamme. Meistens war das im Keller meines Hauses — und nun gehen wir in den USA zum ersten Mal auf Tour.

tip Wie haben sich die Coens seit „The Big Lebowski“ Ende der Neunziger als Filmemacher entwickelt?
Jeff Bridges
Sie wussten damals genau, was sie von jedem Mitstreiter brauchten — inzwischen wissen sie es nur noch verdammt besser (lacht). Wir waren einander immer freundschaftlich verbunden und kicherten einmal im Jahr über die Blüten des „Lebowski“-Kultes. Der Dreh fühlte sich an, als legten wir mit neuem Kostüm genau da los, wo wir das letzte Mal aufgehört hatten. Joel und Ethan sind am Set stille Zeremonienmeister, mit denen man die Koordinaten für Charaktere gemeinsam in Vorgesprächen festgelegt hat. Während der Produktionen lassen sie einen meist machen, nehmen jeden Druck aus der Arbeit und verändern nur mal Szenen, indem sie bei Dialogen die Betonung verlagern. Ihre Skripts sind derart rhythmisch und musikalisch, dass etwas Gutes schon durch die Veränderung einer Note zu etwas Unvergleichlichem wird.

Jeff Bridges und die Coen-Brüdertip Der Coen-Touch?
Jeff Bridges Die Sprache ist sicher der Schlüssel zu jedem ihrer Filme, auch wenn ihre Geschichten epischer geworden sind und sie inzwischen Bilder von archaischer Schönheit schaffen. Nehmen Sie „True Grit“. Ohne Ton könnte man schwören, es mit einem klassischen Genrestück zu tun zu haben — erst die enorm pointierten Dialoge offenbaren eine sehr schwarze Komödie im Gewande eines Western.

tip Mussten Sie zweimal überlegen, in die Stiefel von John Wayne zu schlüpfen, der für die Erstverfilmung 1969 einen Oscar bekam?
Jeff Bridges Nein, und ich wäre auch nicht so vermessen, mich mit dem Duke anzulegen (lacht). Mich machte vor allem neugierig, warum die Coens diesen Stoff noch einmal inszenieren wollten – bis sie mich darüber aufklärten, dass sich gar keiner so recht an den Wayne-Film erinnert und es ihnen um eine werkgetreue Adaption des Romans von Charles Portis ging. Wo die meisten Western den starken, stummen Haudegen ins Zentrum stellen, kreist sein Stoff um einen sehr erwachsenen Teenager und einen lauten, polternden Klotz. Fast alle Dialoge sind aus dem Roman – scheinbar besteht der Coen-Touch schlicht darin, dass sie eine bessere Bibliothek haben als viele andere (lacht).

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Foto ganz oben: Greg Williams (Disney)

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