Berlinale 2016

Kulinarisches Kino

Kulinarisches Kino

Erst Ricotta, dann Parmesan. Für ­Christian Lohse stehen die Zeichen auf Käse. Erst Paolo Pasolinis Kurzfilm „La Ricotta“ von 1963, der zumindest so wie der italienische Weichkäse heißt. Dann geht es mit der US-Doku-Serie „Chef’s Table“ in die Emilia-Roma­gna – dort wirkt Drei-Sterne-Koch Massimo Bottura als Hüter und Künstler des Parmesans. Am vorletzten Abend des 9. Kulinarischen Kinos wird der italienische Spitzenkoch aus Modena seinen liebsten Hartkäse mit nach Berlin bringen. Der Hauptgang kommt dann von Bottura, alles andere im Menü zum Hauptfilm übernimmt Christian Lohse.
Der Zwei-Sterne-Koch aus dem Fischers Fritz im Regent am Gendarmen­markt ist ein alter Bekannter beim Kulinarischen Kino, gehörte fast immer zu den Spitzenköchen, die nach den Spiel-, Dokumentar- und Kurz­filmen rund um Essen, Genuss und Umwelt im Gropius Mirror, dem Restaurant­zelt am Martin-Gropius-Bau, ein vom Film inspiriertes Menü kredenzten. „Berliner Cheese­cake im Glas, nicht so fettig wie das New Yorker Original, mit knusprigem Boden, Karamell-Eis und Zitronen­salz“, beschreibt Lohse das süße Finale nach gefüllten Mini-Paprika aus der Uckermark als Amuse-Bouche und einer Vorspeise aus Auberginen-Caponata mit Koriander-Ayran.
Lohse, der kulinarische Cienast, wird übrigens  bald einen Ausflug ins (Koch-)Fernsehen wagen. Beim neuen VOX-Format „Game of Chefs“ sucht er – was sonst? – das beste Koch­talent des Landes. Michael Hoffmann hatte auf Arte vor Jahres­frist schon mal gezeigt, wie gutes Küchen­fernsehen aussehen kann. Ansonsten war es ruhig geworden um den Mann, der vor einem Jahr sein Margaux geschlossen hat. Es sei sozusagen sein erster öffentlicher Auftritt seitdem, so der Sternekoch, der derzeit im organisatorischen Hintergrund der Kantine Neun in der Markthalle Neun wie der Kreuzberger Bäckerei Soluna agiert und im Sommer wieder in der Gastro­szene auftauchen will.
Weil er selber einen großen Gemüse­garten im Havelland hegt und pflegt, gibt es Berührungs­punkte mit dem Protagonisten des dokumentarischen Eröffnungs­films „Good Things Await“. Der Däne Niels ist einer der letzten idealistischen Landwirte, auch wenn ihm das immer wieder Probleme mit den Behörden beschert. „Niels geht mit ganzer Kraft seinem Leben in der Natur nach. Neben der Feld- und Stall­arbeit fermentiert er auch Gemüse und macht Käse“, so Hoffmann. Eine Szene, in der Niels im Winter seine Kühe mit Roter Bete füttert, inspirierte ihn zu seiner Vorspeise aus getrockneten Erbsen, Roter Bete und Grünkohl. Eine Ode ans Gemüse ist auch der Hauptgang, die „Essenz von Wild­früchten“. Käse aus Schafsmilch im Dessert, auch das ist eine Verbindung zu Niels. Auch wenn der Film, so Hoffmann, tatsächlich nachdenklich mache, sei ihm ein Anbau im Mondschein, wie es der dänische Farmer betreibe, doch etwas zu esoterisch.
Aus Berlin ist auch Michael Kempf am Start. Der Zwei-Sterne-Koch aus dem Facil kocht zu einer japanischen TV-Serie. Die Groß­städterin Ichiko kehrt zurück in ihr Heimatdorf. Ihre Mutter bringt ihr die Traditionen nahe. Dadurch führt Ichiko ein gänzlich autarkes Leben, das sie auch zu sich selber führt. „Die Japaner sind Produkt­fetischisten. Sie versuchen immer, den Eigen­geschmack herauszukitzeln, kochen daher dezent und transparent“, so Kempf, der „Little Forest“ zusammen mit seinem Sous­chef Joachim Gerner und Chefpatissier Thomas Yoshida gesehen und ein „Menü mit Augen­zwinkern“ kreiert hat. Forelle  – die Menüs des Kulinarischen Kinos sind allesamt vegetarisch, Fisch ist erlaubt – kombiniert er mit Kaki­früchten, die den Winter über getrocknet wurden, und Worcester­soße. Weil die Japaner, so Kempf, auf Currys stünden, erweitert er mit einem doppelten Augen­zwinkern das globale kulinarische Kompendium durch ein Auberginen-Curry mit Miso-Rettich um „indisch-japanische Fusion“.

Kulinarisches Kino

Drei Berliner Köche, mit Bottura ein Italiener, ein Spanier mit Berlin-Bezug sowie ein Deutsch-Japaner aus München, das ist die Casting-Liste des diesjährigen Kulinarischen Kinos. Für Tohru Nakamura, seit knapp zwei Jahren Chefkoch in Geisels Werneck­hof in Schwabing, wurde ein niederländischer Streifen aufgetischt: „Fucking Perfect“, ein cineastisches Porträt über Sergio Herman, einen der weltbesten Köche, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere Ende 2013 sein Oud Sluis geschlossen hat. Eine schlaue Wahl: Nakamura hat von 2011 bis 2012 in dem Drei-Sterne-Restaurant als einer von zwei Sous­chefs gearbeitet. „Eine sehr intensive Zeit, wir waren mittags und abends ausgebucht. Das war ein täglicher Krieg“, erinnert sich Tohru Nakamura. Beim Kulinarischen Kino treffen sich Herman und Nakamura also erneut. Die holländischen Miesmuscheln und der in Dünen am Meer wachsende Sanddorn sind eine Reminiszenz an seinen ehemaligen Chef.
Aus Katalonien reist Paco Perйz an. Der Sternekoch ist regelmäßiger Gast in Berlin. Als Konzept­geber des Cincos im Hotel Stue steht er dort auch hin und wieder am Herd. In der Dokumentation „El misterio del Palo Cortada“ geht es um die Wein­region Jerez. „Wir wollen mit unserem Menü die Vielseitigkeit der Weine aus Jerez, ihre Aromen, Frische, Vitalität und Vielschichtigkeit auf den Tellern zum Ausdruck bringen“, so Pйrez. So beginnt er mit einer an Trauben aus Jerez erinnernden Tapa, gefolgt“ von einem Gelee aus See­spinne und Wein. „Nach dem Film muss man nach Jerez gehen, einen Spaziergang durch die Bodegas und Tapas-Bars machen und die Weine vor Ort kennenlernen.“
Nicht ganz so weit begibt sich das Kulinarische Kino am letzten Abend. Zum zweiten Mal heißt es: Kulinarisches Kino Goes Kiez. Nach der französisch-belgischen Dokumentation „Imaginary Feast“ im Eiszeit-Kino geht es in die Markthalle Neun, wo unter anderem die Kantine Neun für das kulinarische Finale des diesjährigen Berlinale-Film-Food-Festivals sorgen wird.

Text: Manuela Blisse

Foto: Daisuke Igarashi/KODANSHA Ltd./ CinemaDAL/ Netflix 2015

Kulinarisches Kino 8.–13.2.2015 im Kino im Martin-Gropius-Bau und im Restaurant Gropius Mirror gegenüber dem Haupteingang

8.–12.2., 19.30 Uhr Film, anschließend Menü und Getränke, 85 Euro
8.–12.2., 22 Uhr Spätfilm (ohne Menü), 10 Euro
13.2. Wiederholung von zwei Filmen im Kino im Martin-Gropius-Bau: 15 Uhr „Fucking Perfect“, 17 Uhr „Good Things Await“, je 10 Euro
13.2. Kulinarisches Kino Goes Kiez: 16.30 Uhr „Imaginary Feats“ (Dokumentarfilm Frankreich/Belgien 2015) und „The Sturgeon Queens“ (Dokumentarfilm USA 2014) im Eiszeit Kino, anschließend Menü und Getränke in der Markthalle Neun, 40 Euro

Die Filme werden im Original mit englischen Untertiteln gezeigt.

Vorverkauf: tgl. 10–20 Uhr an den zentralen ­Vorverkaufsstellen in den Potsdamer Platz Arkaden, im Kino International, im Haus ?der Berliner Festspiele und online unter ?www.berlinale.de

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