Berlinale 2016

Kulinarisches Kino auf der Berlinale 2011

struck„Früher sind wir schon im Januar mit unserem Programm nach draußen gegangen, wir haben offensiv Marketing betrieben.“ Thomas Struck (Foto) erinnert sich, wie er und sein 12-köpfiges Team vor fünf Jahren noch Flyer auf der Grünen Woche verteilt haben. Heute hat der verantwortliche Chef des Kulinarischen Kinos ganz andere Probleme. Meist sind die fünf Abende, an denen es nach jeweils einem Film ein Drei-Gänge-Menü gibt, schnell ausgebucht. Blickten anfänglich Cineasten und das hehre Filmfeuilleton eher beiläufig auf diese Sektion der Berlinale, ist dieses Jahr nicht mehr zu übersehen: Ernährung und die alltäglichen menschlichen Bedürfnisse wie Hunger und Durst, das sind längst ernstzunehmende Themen, die beeindruckende Filme entstehen lassen. „Nahrung & Umwelt“, so also das diesjährige Motto. Auch neu ist, dass endlich eine Berliner Spitzenköchin dabei ist. Sonja Frühsammer kocht zu dem Dokudrama „El Camino Del Vino“ (Der Weg des Weines) aus Argenti­nien.

Thomas Struck erklärt:  „Wir sind seit dem vergangenen Sommer am Sichten und Recherchieren, diesen Film haben wir ganz zum Schluss durch Zufall gefunden.“ Die Geschichte des Films: Charlie Arturaola, einer der namhaften Weinkritiker der Neuen Welt (so nennt man die Weinregionen außerhalb Europas), spielt sich selbst und inszeniert den „Worst Case“, nämlich den Verlust seines Geschmackssinns. Er begibt sich auf die Suche danach. Winzer, Freunde, seine Frau Pandora und seine Familie spielen sich selbst und den harten Kampf und die Entwicklung von einem Überflieger, der wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommt. Charlie Arturaola spielt einen Mann in seiner Lebenskrise, der sich wieder findet, indem er sich mit seiner Familie aussöhnt. „Ergreifend ehrlich“, findet Sonja Frühsammer diese Geschichte, denn auch in ihrem Alltag sorgt die fünfköpfige Familie für die nötige Bodenhaftung. Für sie war auch ganz klar: „Es dreht sich so viel um Rotwein und rote Trauben, der Film schreit nach Fleisch und der Drehort Argentinien sowieso.“ Deshalb gibt es als einen Hauptgang „Asado de Carne“, also gegrilltes Short Rib und Entrecote. Denn am Schluss dieses Films wird im väterlichen Garten gegrillt.

DwenJangAuch eine Neuerung: Es gibt zu den Hauptgängen immer eine vegetarische Alternative. Michael Hoffmann ist da noch viel radikaler, bei seinem Menü spielt Fleisch überhaupt keine Rolle. Der Sternekoch, der sich sowieso schon dem Gemüse verschrieben hat, seit letztem Jahr hegt und pflegt er seinen eigenen Garten in Potsdam, trumpft mit seiner Bouillon von Winterfrüchten mit heimatlichen Aromen auf. Es muss für ihn Bestätigung und Herausforderung zugleich gewesen sein, den koreanischen Film „Dwen-Jang“ (Das Rezept) zu sehen. Es dreht sich um das koreanische Nationalgericht Doenjang Jjigae und um eine Frau, die eine sehr spezielle Rezeptur für dieses Gericht besitzt, so dass sogar ein äußerst gewiefter Schwerverbrecher beim Löffeln dieses Eintopfs völlig vergisst, vor dem Einsatzkommando der Polizei zu fliehen. Das ist wiederum Anlass für einen Boulevard-Journalisten, sich auf die Suche nach der Köchin zu begeben. Was etwas krawallig beginnt, führt zu einer Liebesgeschichte – berauschend sind die Bilder vom ersten Treffen des Liebespaares inmitten blühender Pflaumenbäume – und führt zu der Erkenntnis, dass Qualität nur über beste Zutaten und im Einklang mit der Natur und der Weiterentwicklung von Tradition erreichbar ist.

Einen strengeren, dokumentarischen, dennoch heiteren Einblick in die puristische Philosophie Japans gibt der Film „Jiro Dreams of Sushi“. Es ist ein Porträt eines 85-jährigen Mannes, der mit seinen Ansprüchen immer weiter geht, und das mit äußerster Disziplin. Jiro Ono schart ein Team um sich, dass sich der Kunst der Sushi-Zubereitung verpflichtet hat. Dieser Mann besitzt als einziger Koch auf der Welt drei Sterne, in einem Restaurant in einer U-Bahn- Station mit Außentoilette. Es ist eine wahre Freude, den Köchen dabei zuzusehen, wie sie auf engstem Raum Fisch räuchern, Oktopusse massieren, damit diese zart werden, und Omelettes backen. Bis zum Exzess, erklärt der zuständige Koch, habe er gerührt und gebacken, Hunderte von Omelettes waren nicht gut genug, bis dann endlich der Meister ihn lobte. Ähnlich konsequent ist auch der Berliner Tim Raue. Der wird an diesem Abend nach dem Film unter dem Motto „Tender, Moist, Sticky“ zeigen, was man mit Disziplin und taffer Konsequenz erreichen kann.

Von einem gewissen Ehrgeiz getrieben sind auch die beiden Köche Nigel Slater und Michael Kempf. Das Leben des britischen Foodjournalisten und Kochs diente als Vorlage für den Spielfilm „Toast“. Die Story zeigt, was eine Frau, die gut kochen, alles anrichten kann. Als Junge sehnt sich Nigel nach gutem Essen, denn seine Mutter kocht nicht gerne, und wenn, dann Dosen. Und das klappt auch nicht immer. Es ist immer geröstetes Weißbrot, das als Ersatz herhalten muss. Die Mutter stirbt und in den Männerhaushalt zieht Mrs. Potter ein, die zwar super kochen kann und den Hausherrn begeistert. Doch der Sohn kann den blonden Putzteufel nicht besonders leiden und tritt mit ihr in einen Konkurrenzkampf ein, bei dem ein Lemoncake die Entscheidung bringt. Genauso wie Nigel Slater hat auch Michael Kempf während seiner Schulzeit den Hauswirtschaftskurs belegt und Kochen gelernt. Michael Kempf ist also nicht umsonst in Berlin der jüngste unter den Sterneköchen.

ToastNicht um Kochkünste, verlorenen Geschmackssinn, um Liebe oder beste Zutaten geht es in „Tambien La Lluvia“ (Auch der Regen). Um das Thema Wasser und um die brutale Macht bei der Nutzung dieser Ressource geht es bei dem Spielfilm aus Argentinien. Ein Film im Film: Ein Team dreht in Bolivien einen Historienfilm, wie Columbus die Neue Welt entdeckt und die einheimischen Indianer versklavt. Während der Dreharbeiten holt sie die Realität ein, nämlich die Privatisierung der Wasserwerke und der Kampf der Bevölkerung gegen die 200-prozentige Preiserhöhung. Bilder der Vergangenheit legen sich über die der Gegenwart, und plötzlich scheinen die Mechanismen der gegenwärtigen Machtverhältnisse gar nicht so weit entfernt zu sein von denen des Mittelalters.

Text: Eva-Maria Hilker

Foto Thomas Struck: Nina Zimmermann/HIPI

Kulinarisches Kino 13.2. bis 18.2. im Martin-Gropius-Bau und im Spiegelzelt, Niederkirchnerstraße 7, Mitte, tgl. ab 19.30, Film inkl. Wasser, Saft und Wein (bis 23.30 Uhr) 59 Ђ; Der Vorverkauf beginnt am 7.2. an den zentralen Vorverkaufsstellen. Bitte teilen Sie Ihre Wahl des vegetarischen Hauptgangs im Vorfeld mit: [email protected];

Online-Kartenverkauf über die Berlinale-Website: www.berlinale.de

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