Berlinale 2016

„L\avenir – Things to Come“

Wer behält nach der Trennung den Levinas? Und wer den Schopenhauer? Dass sind Fragen, vor denen wohl nur ein bourgeoises Intellektuellenpaar in einem französischen Film stehen kann. In Mia Hansen-Loves „L’Avenir/ Things to Come“ sind dies Heinz und vor allem Nathalie (Isabelle Huppert), eine Philosopielehrerin, deren Leben Anfangs geradezu Beispielhaft ist: Job, Mann, zwei Kinder, die greise Mutter, Publikationen: Alles meistert sie – bis alles verfällt: Ihr Mann verlässt sie (natürlich für eine jüngere), die Mutter stirbt, ihr Verlag will sich moderniseren. Nicht mehr ganz zeitgemäß scheint Nathalie mit ihren Wertvorstellungen, mit ihrer (Lebens)-Philosophie, wie ihr auch ein Protegee, der junge Autor Fabien, durch die Blume vorhält. Der lebt mit Freunden auf dem Land, geriert sich als Revolutionär anarchistischer Prägung und wundert sich über das dezidiert bourgeoise Leben Nathalies.
Wie binnen kürzester Zeit deren Gewissheiten zerbrechen beobachtet Mia Hansen-Love mit größter Präzision. Wie schon in „Un Amour Jeunesse“ oder „Eden“ passiert zwar viel, aber eigentlich nichts wesentliches, fügen sich die Dinge des Lebens nahtlos ineinander, entwickelt Hansen-Love einen Sog, der so reich an Bedeutung und Subtexten ist, dass vieles leicht übersehen werden kann. Am Ende bekommt Heinz jedenfalls den Schopenhauer, während sich Nathalie von ihren Altlasten gelößt hat: Ein neues Leben beginnt zwar nicht, dass wäre viel zu banal, statt dessen geht das alte, das eine weiter und das ist schwierig genug zu meistern.

Herausragend

Text: Michael Meyns

Foto: CG Cinйma

L’avenir – Things to Come F 2016, 100 Minuten, Regie: Mia Hansen-Love, Darsteller:
Isabelle Huppert, Andrй Marcon, Roman Kolinka 

Termine für „L’avenir – Things to Come“

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