Berlinale 2016

„A Lullaby to the Sorrowful Mystery“

Warum haben wir so eine habgierige Regierung? Warum werden unsere Frauen vergewaltigt? Warum haben wir keine Bildung und warum wurden wir 300 Jahre von den Spaniern unterdrückt? Fragen, die Insagani gegen Ende des Films seinem Onkel stellt. Schau in den Spiegel, antwortet dieser. Die Szene ist einer der Schlüssel zu Lav Diaz‘ 8 stündigem poetischen Blick tief in die philippinische Seele. Sein kinematografisches Wiegenlied erzählt vom Ende der Revolution am Ausgang des 19. Jahrhunderts auf den Philippinen. Seit 300 Jahren herrschen die Spanier, als sich das Volk erhebt. Doch schnell ist der revolutionäre Nationaldichter Josй Rizal erschossen und der große Kämpfer gegen die Kolonialherrschaft, Nationalheld Andres Bonifacio gemeuchelt. Diaz folgt den Spuren dieses mythischen Helden in lose verbundenen Handlungssträngen. Er führt dabei seine Figuren immer tiefer in den Dschungel. Dabei weisen die vom deutschen expressionistischen Film und Film Noir beeinflusste schwarz-weißen Bilder und die Figuren weit über Ihre sichtbare Oberfläche hinaus. Film ist wie Psychiatrie, so Diaz auf der Pressekonferenz. Da ist zum Beispiel Oryang, die Frau des Revolutionärs. Oryang sucht bis in die tiefsten Wälder hinein ihren verschwundenen, von Soldaten verschleppten und längst ermordeten Mann. Ihre Figur steht für die Suche nach der verlorenen Seele des Landes. Begleitet wird sie unter anderem von Caesaria. Sie war die Mätresse eines Schergen und hat große Schuld durch Verrat auf sich geladen. Die Verräterin steht für das Bedauern, die Sehnsucht nach Vergebung. Im anderen großen Handlungsstrang schleppt Insagani, der die verzweifelten, nahezu handlungsunfähigen Intellektuellen des Landes repräsentiert, den angeschossenen Simoun quer durch die Wildnis. Simoun, von allen gejagt, ist ein Fleisch gewordenes Bild für die Revolution, die gnadenlos ihre Opfer einfordert aber auch großzügig sein kann. Diaz stellt Fragen, versucht hinter das von Masken verborgene Geheimnis der Menschen zu dringen. Dabei bricht er so radikal wie beeindruckend mit der gewohnten filmischen Wahrnehmung. Jede Szene eine Einstellung. Die Kamera unbeweglich. Der gewaltige Sound bebt von Wind, Wasser, Erde und Feuer, verzichtet vollkommen auf unterlegte Begleitmusik. A Lullaby to the Sorrowful Mystery ist ein gewaltiges Filmerlebnis, ein Meisterwerk des Slow Cinema und ein Bärenkandidat.

Text: Markus Raska

Foto: Sine Olivia

Philippinen / Singapur 2016, 485 Min, Tagalog, Spanisch, Englisch, R:
Lav Diaz, D: Piolo Pascual, John Lloyd Cruz, Hazel Orencio, Alessandra
De Rossi, Joel Saracho 

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