Berlinale 2016

„Mort а Sarajavo“ – „Death in Sarajevo“

Die Szene, mit der der Film beginnt, legt zwei Medien übereinander: Eine Fernsehjournalistin moderiert im TV – was man an dem gerasterten Bild erkennt – eine Sondersendung zum 100. Jahrestages des Attentats von Sarajevo an. Am 28. Juni 1914 erschoss Gavrilo Princip den Thronfolger Österreich-Ungarns Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie.
Am 28. Juni 2014 hat ein Nachrichtensender ein Freiluftstudio auf der Dachterrasse des Hotels Europa aufgebaut, die Moderatorin interviewt dort Experten. Beispielsweise über die wechselvolle Geschichte der Denkmäler und Gedenkplaketten für Princip, von denen eine sogar als Geschenk bei Adolf Hitler gelandet sein soll. Doch die Realität, das, was damals wirklich passiert ist, sowie die Bewertung dieser Geschehen sind in dem Film von Danis Tanovic nicht so einfach zu haben. Das legt schon die doppelte mediale Vermittlung der nur verbal verhandelten historischen Ereignisse nahe.
Weiter unten, im Erdgeschoss des Hotel Europe, arbeitet Lamija am Empfang. Sie ist ziemlich gut aussehend, aber auch ziemlich streng, und weist ihren Lover von letzte Nacht, den Küchenhelfer, in die Schranken. Das Hotel war einmal das erste Haus am Platz, ist heute ziemlich heruntergekommen, aber auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzukehren: Am Abend soll ein Galadinner für diplomatische Ehrengäste der 100-Jahrfeier stattfinden.
Deshalb übt schon mal ein Kinderchor Beethovens Europahymne „Freude schöner Götterfunken“. Und der Hoteldirektor Omer weist vorsichtshalber an, den Kindern Saft und Sandwiches zu geben, damit sie später nicht umkippen. Auch nicht so einfach sein Job, denn seit zwei Monaten konnte Omer die Angestellten nicht mehr bezahlen. Und jetzt droht noch Streik. Deshalb lässt der Chef des Nachtklubs im Keller seine Schläger auf den Streikführer los.
Und dann ist da noch der der aus Frankreich angereiste Gast Jacques in der Präsidentensuite , der seine Jubiläumsrede probt – die versehentlich in den Raum des Sicherheitsdienstes übertragen wird. Da hat einer einfach eine Kamera in Jacques Zimmer angebracht. Und der Sicherheitsmann kann zwischen ein paar Linien Koks und dem Wunsch seiner Frau, er möge ihr ein neues Sofa kaufen, für seinen Job auch nicht die volle Aufmerksamkeit aufbringen.
Es ist viel los, in dem Hotel Europa oder besser Haus Europa. Schließlich geht es um ein Geschichtspanorama. Das Geld fehlt, aber alles soll schick aussehen. Lange Kamerafahrten verfolgen die Protagonisten, während sie durch schier endlose Gänge und treppauf, treppab hetzen. Ohne etwas zu erreichen. Europa ist nicht nur pleite, sondern auch unglücklich verliebt, korrupt, instabil und gefährlich, jedenfalls legt das dieses Kammerspiel in Hotelformat nahe.
Großartig, wie Regisseur Tanovic die verschiedenen privaten Geschichten der Personen mit dem großen Ganzen der historischen Ereignisse verwebt: Unentwirrbar, mit dem absurden Witz der Gleichzeitigkeit von wichtigen und unwichtigen Ereignissen. Und dabei wird anhand der Figur von Gavrilo Princip eine Frage verhandelt, die durch den IS sehr aktuell und in Sarajevo, der während des Bosnienkriegs belagerten Stadt, immer noch wichtig ist: Wer ist Terrorist? Wer Nationalheld? Und wer ein überforderter, von anderen zum Mord manipulierter 19-Jähriger wie Gavril? Danis Tanovic, 2013 mit „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ schon im Wettbewerb der Berlinale vertreten, ist ein Spezialist für unlösbare Situationen. Für das Drama im Dilemma. Das zeigt er wieder einmal virtuos.

Text: Stefanie Dörre

Foto: The Match Factory

Mort б Sarajevo (Smrt u Sarajevu), Frankreich/Bosnien und Herzogowina 2016, R. Danis Tanovic, D: Jacques Weber (Jacques), Snezana Vidovic (Lamija), Izudin Bajrovic (Omer)

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