Berlinale 2016

„Mr. Holmes“ von Bill Condon im Wettbewerb außer Konkurrenz

Die karierte Deerstalker-Mütze, die elegante Pfeife im Mundwinkel. Alles Lügenmärchen. Literarische Ausschmückungen, auf die Sherlock Holmes im wahren Leben verzichtet. Denn der Holmes (Foto: Ian McKellen), den Bill Condons Berlinale Wettbewerbs-Beitrag zeigt, ist ein alter Greis. Ein dementer, etwas wunderlicher englischer Gentleman, der seit 35 Jahren zurückgezogen auf seinem Cottage lebt, der seine Tage vornehmlich mit der Bienenzucht verbringt und seiner fortschreitende Senilität mit Wundermitteln beizukommen versucht. Mit seiner Haushälterin Mrs. Munro, gespielt von Laura Linney, steht er im stetigen Konflikt. Dieser Holmes malt Punkte anstatt Notizen in einen Kalender, wenn er einen Namen vergessen hat. Bill Condons Meisterdetektiv bricht mit den Konventionen, die die Figur von Arthur Conan Doyle auch in den neueren Adaptionen wie den Fernsehserien „Elementary“ und „Sherlock“ und den von Adrenalin getriebenen Filmen des Briten Guy Ritchie auszeichnet. Er ist eine gescheiterte Persönlichkeit, die zwar immer noch zielsicher analysiert und logisch schlussfolgert, aber die sich bewusst wird, dass ihr diese entscheidenden Fähigkeiten unweigerlich abhanden kommen. „Mr. Holmes“ basiert auf Mitch Cullins Roman „A Slight Trick of the Mind“ und kommt natürlich nicht ohne einen Kriminalfall aus. Doch diesmal ist es der Detektiv selbst, der sich auf die Suche nach seinem letzten Fall und damit den eigenen Erinnerungen beginnt. Die Demenz ist hier ein bemerkenswerter Twist, den Condon ruhig, fast malerisch aufbaut und die diesem Sherlock viel Raum lässt, sich seiner eigenen Getriebenheit bewusst zu werden.

Text: Martin Daßinnies

Foto: Agatha A. Nitecka

Bären-Quote: außer Konkurrenz

Termine: Mr. Holmes

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