Berlinale 2016

„Nobody Wants the Night“ von Isabel Coixet im Wettbewerb

Wenn eine zivilisierte Dame, die sich aus einem Leben an der Park Avenue noch genau an guten Benimm erinnern kann, mit einer Haarbürste nach einem Schneeschuh wirft, dann handelt es sich zweifellos um eine Situation in extremis. In Nobody Wants the Night von Isabel Coixet gibt es davon mehr als genug. Josephine Peary, Gattin des lange schon im ewigen Eis der Arktis nach dem Nordpol suchenden Joseph Peary, reist ihrem Mann hinterher, ganz standesgemäß mit Grammophon und Porzellanservice, das 20. Jahrhundert ist noch jung. Je weiter sie von Grönland aus nach Norden kommt, desto tiefer gerät sie in die lange, sonnenlose Nacht. Mit einer Inuit, die von dem Polarforscher eine „small person“ im Bauch trägt, muss Josephine schließlich sehr lange von rohem Hundefleisch zehren, während vor der Hütte die Elemente wüten. Der Eröffnungsfilm der 65. Berlinale ist an Peinlichkeit schwer zu überbieten: Juliette Binoche in Zuständen fortgeschrittenen Derangements hat ja noch einen gewissen, bizarren Reiz, aber was die spanische Regisseurin mit der indigenen Figur macht, die in einem brutalen Freitag-erklärt-Robinson-das-primitive-Weltbild-Englisch radebrechen muss, ist im Grunde, trotz gegenteiliger Intention, rassistisches Stereotyp ältester Schule. Ein Debakel.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Leandro Betancor

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Termine: Nobody Wants The Night

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