Berlinale 2016

Ohne Glamour

Perspektive Deutsches Kino

Der schöne Schein interessiert keinen der jungen Filmemacher, die Sektionsleiterin Linda Söffker zur diesjährigen Perspek­tive Deutsches Kino eingeladen hat. Im Gegenteil wird die Kamera als Instrument verstanden, um möglichst nahe ranzu­kommen, die oberste Schicht abzuhobeln, bis etwas anderes, Echtes sichtbar wird.
Es sind Schauspielerinnen mit geringem Glamourfaktor und dem Mut zum nackten Gesicht, die zu dieser Art des Filmemachens passen, wie Jule Böwe und die spröde Anne Ratte-Polle. In „Sybille“ von Michael Krum­menacher, einem düster und etwas angestrengt um Bedeutung ringenden Drama der familiären Entfremdung, spielt sie eine Erfolgs­architektin, deren Leben durch eine Zufalls­begegnung aus dem Gleis gerät.
„Wanja“ (Foto) von Carolina Hellsgеrd, der zweite Film mit Anne Ratte-Polle, geht in seinem Porträt einer frisch aus dem Gefängnis entlassenen Drogenabhängigen bewusst an die Schmerzgrenze, zeigt den mühseligen Kampf um einen Alltag, dessen Wert sich kaum erschließt. Drumherum ist viel dörfliche Natur, die sich völlig teilnahmslos verhält und kaum Trost bietet zwischen Rapsfeldern und runtergekommenen Pferdeställen. Selbst die Stock­enten in der Badewanne taugen kaum als Ersatzfamilie.
Die Filme inszenieren ein Gegenprogramm zur eskapistischen Romantik von erfolgreichen Hochglanz-Postillen wie „Landlust“. Sie müssen nicht „Ein idealer Ort“ heißen wie die interessante Heimatstudie von Anatol Schuster, um das Defizitäre, von urbanen Resten Kontaminierte des Dörflichen zu betonen. Selbst der unterhaltsame Eröffnungsfilm „Im Sommer wohnt er unten“ von Tom Sommerlatte, der den Konflikt zweier ungleicher Brüder in einem südfranzösischen Ferienhaus genüsslich als Showdown zweier Lebenskonzepte inszeniert, verkneift sich weitgehend die Romantisierung des Schauplatzes. Ein Großteil der Filme beschäftigt sich mit einer existenziellen Unbehaustheit, sammelt die Trümmer auf, nachdem die Flucht ins Private, das Beschränken der Lebensperspektive auf familiäre Kuscheligkeit und Cocooning gescheitert sind.
Auch die Dokumentarfilme sind auf der Suche nach der Wahrhaftigkeit in der abbildbaren filmischen Wirklichkeit. „Freiräume“ von Filippa Bauer nimmt die gängige Metapher der Leer­stelle wörtlich und zeigt Wohnungen von vier alleinstehenden Frauen, deren Kinder unlängst ausgezogen sind. Im Off-Kommentar beschreiben die Frauen ihre neue Situation, realistisch und tapfer, während sich die Bilder ihrer viel zu aufgeräumten Wohnungen in allzu ruhiger Lage in aller Stille summieren zur Anklage einer über den Individualismus vereinsamenden, zerfallenden Gesellschaft. Doch auch die Nähe in ihrer gesteigerten Form ist nicht ohne Tücken: Der kurzweilige Interview-Film „Sprache:Sex“ von Saskia Walker und Ralf Hechelmann stellt Berlinern zwischen 12 und 75 Fragen zu Liebe, Treue, Attraktivität und Sex und macht durch kluge Kontrast­montage deutlich, dass die Wahrheit auch hier zwischen den Worten und Bildern liegt.

Text: Stella Donata Haag

Foto:
Carolina Hellsgеrd

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