Berlinale 2016

„Pod Electricheskimi Oblakami“ von Alexey German Jr. im Wettbewerb

Pod Electricheskimi Oblakami

„Die Vergangenheit ist vorbei. Wir werden eine neue Welt schaffen.“ Das sagt eine der Figuren, die durch „Pod Electricheskimi Oblakami“ driftet, Alexey German Jr.s. Versuch einer Bestandsaufnahme der gegenwärtigen russischen Befindlichkeit. Dabei geht es weder linear zu, noch entwickelt sich so etwas wie ein Narrativ. Vielmehr flottieren Fetzen von Erzählungen durch einen postapokalyptisch anmutenden Raum, wandern Figuren aus der einen Geschichte hinaus und mal in eine andere hinein, mal gleich ganz aus dem Film heraus. Dafür kommt dann jemand anderer des Wegs, der der Kamera, die das Auge des Zuschauers vertritt, dringend etwas wichtiges mitzuteilen hat.
Der Sinn des Ganzen? Ist doch längst schon verloren gegangen, sagen die einen, wozu also nach ihm suchen? Die anderen vermissen ihn schmerzlich und verzweifeln. Dem Zuschauer mag es ähnlich gehen.
Man kann Germans dramaturgisch-visuelle Strategie formulierungsfaul einen surrealen Bilderbogen nennen, wird damit aber der Traurigkeit seiner Figuren und der Sorgfalt seiner in Plansequenzen gefilmten Tableaux‘ nicht gerecht. Und freilich hat man es – ein weiteres Klischee, das, wahrscheinlich absichtlich, wachgerufen wird – auch mit der viel beschworenen Melancholie der russischen Seele zu tun.
Aber eben zugleich mit einer filmischen Nachricht aus einem Land, das den Traum vom Sozialismus begraben und sich unbedacht einen neuen Zarismus eingehandelt hat. In „Pod Electricheskimi Oblakami“ spricht sich keine esoterisch verbrämte Billigheimer-Konsumkritik б la Terrence Malick aus, hier zeigt sich tatsächlich glaubwürdig der Wunsch nach Wahrheit, die Sehnsucht nach dem Authentischen und das Vermissen des verloren gegangenen Vertrauens ins Große Ganze.

Text: Alexandra Seitz

Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin

Bären-Quote:

Termine: Pod Electricheskimi Oblakami

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