Berlinale 2016

Prinzip der Serie: „Dreileben“

Dreileben

Eine Liebesgeschichte steht im Zentrum bei Petzold. Der Zivi Johannes (Jacob Matschenz) hat seine Karriere, ein mögliches Stipendium in Los Angeles, fest im Blick. Seine Freundin aus guter Familie, die Tochter des leitenden Arztes im Krankenhaus, hat ihn verlassen; er verliebt sich in das Zimmermädchen Ana (Luna Mijovic), die aus dem Osten kommt. Es überlagert sich die soziale mit der räumlichen Topografie; ständig queren Johannes und Ana über die Brücke den Fluss, den Petzold deutlich mit dem Tod konnotiert. Eine klassenbewusste Variante der Geschichte der zwei Königskinder, zwischen denen das Wasser zu tief war. Mit dem Unterschied, dass nur der eine von ihnen ein Königskind ist. Oder doch eher, in Christian Petzolds sarkastischer Anspielung auf den Roman von F. Scott Fitzgerald, „der kleine Gatsby der Sozialdemokratie“.
Den Film über die Polizeipsychologin Johanna (Jeanette Hain) hat Dominik Graf gedreht. Jedoch ist „Komm mir nicht nach“ von seinen Polizeifilmen recht weit entfernt. „Ich wollte durchaus einen Schritt auf die ‚Berliner Schule‘ zu machen“, meint der Regisseur im Gespräch. „Ich glaube, dass das schon ein anderer Film geworden ist als fast alles, was ich in der Vergangenheit gedreht habe.“ Obwohl die Handschrift von Graf deutlich erkennbar ist, stimmt das. Was zunächst ein Genrefilm zu werden verspricht, entwickelt sich zu einem atmosphärisch überaus dichten Kammerspiel in einer noch nicht fertig renovierten Villa in der Nähe des Ortes Dreileben.
DreilebenKürzlich erst ist Johannas Freundin Vera (Susanne Wolff) mit ihrem Freund Bruno (Misel Maticevic) hierher gezogen, dem Autor so schlechter wie erfolgreicher Romane. In intimen Gesprächen der Freundinnen stellt sich heraus, dass es in ihrer Münchner Vergangenheit einen Überschneidungspunkt gab, von dem sie nichts ahnten. Der Fall Molesch gerät darüber ganz an den Rand. Die eigentlichen Ermittlungen finden denn auch zum großen Teil in Hochhäuslers Film statt. „Eine Minute Dunkel“ erzählt Moleschs Flucht als eine Art Wiedergeburt und hält dessen Staunen über die ihm jahrelang entzogene Außenwelt und Natur in oft betörenden Bildern fest. Parallel dazu stellen sich dem sehr eigenwilligen Kommissar die Dinge nach und nach anders dar, als sie allen Beteiligten zunächst schienen.
Die Filme sind fürs Fernsehen entstanden, die ARD will sie im Wochenabstand zur Hauptsendezeit zeigen. Die Gefahr, dass die drei Regisseure durch die Reaktion von Publikum und Kritik auseinanderdividiert werden könnten, sieht Christian Petzold nicht: „Das ist ein aus Freundschaft entstandenes Projekt. Es ist gut, dass die Filme so eigenständig sind. An den US-Serien, die ich ja auch gerne sehe, stört mich doch immer, dass es einen großen Schöpfer gibt, der die Regisseure zu Ausführenden degradiert. Eigentlich sollten Fernsehserien entstehen wie unsere Filme. Ja, warum sollten wir nicht wirklich eine große Fernsehserie nach dem Prinzip entwickeln?“

Text: Ekkehard Knörer

Dreileben (Forum?/?Panorama)
16.2., 18.00, Delphi
20.2., 14.00, International

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren