Berlinale 2016

Prinzip der Serie: „Dreileben“

Dreileben

Am Anfang stand ein E-Mail-Wechsel, eine Auseinandersetzung um jene lose Gruppe, die von der Kritik gerne in die Schublade „Berliner Schule“ gesteckt wird. Dominik Grafs Distanz zu diesen Filmemacherinnen und Filmemachern war bekannt. „Schneewittchenfilme“ hatte er das genannt, Geschichten mit leblosen Menschen, in denen Deutschland als „Gespensterwelt ohne Hoffnung“ erscheint. Seine Mail-Partner, die Regisseure Christian Petzold und Christoph Hochhäusler, waren da durchaus gemeint. Die Diskussion zeigte dann jedoch, wie viele grundsätzliche Ansichten über das Kino man bei aller Differenz teilt. So halten alle drei zum ästhetisch wenig reflektierten Kommerz- und Arthouse-Mainstream auf je eigene Weise Distanz: Graf mit seiner Liebe zu den Krimis und B-Movies der Siebziger; Petzold im reflektierten Umgang mit Motiven der Hoch- und Kriminalliteratur; Hochhäusler in expliziter Anknüpfung an Ideen und Formen der Kinomoderne.
„Wir trafen uns dann in München zu einem langen Gespräch“, erzählt Christian Petzold. „Eigentlich überlegten wir zunächst nur, vielleicht einmal ein gemeinsames Seminar zu unterrichten. Aber am Ende kam uns die Idee: Warum versuchen wir uns nicht zusammen an einem Projekt?“ Das war der Beginn einer Trilogie aus je neunzigminütigen Filmen, die das Forum in Welturaufführung nun zeigt: „Dreileben“. Knapp skizzierte Petzold drei Geschichten: eine über einen entflohenen Mörder, eine um einen Zivildienstleistenden, dessen Leben von diesem Ausbruch „infiziert“ wird, und eine dritte um eine mit dem Fall befasste Polizistin.
DreilebenHochhäusler entwarf die Topografie jenes imaginären Orts namens „Dreileben“, real wurde es dann Suhl und Umgebung: ein Krankenhaus, ein Hotel, eine Tankstelle, ein Schießstand, ein paar weitere Schauplätze. „Ich habe das einfach auf eine Serviette gemalt“, erzählt er. Zu räumlichen Überschneidungen kommt es in den Filmen allerdings nur gelegentlich. Überhaupt sollten die Beziehungen der Filme zueinander eher lose sein. Von „Geschwisterfilmen“ spricht Hochhäusler. „Wir wollten ganz ausdrücklich keines dieser Puzzleprojekte“, erläutert Graf. „Eher den Effekt, dass – wie Christian das formuliert hat – ab und zu eine Tür aufgeht und man erhascht einen Blick auf die Geschichte in einem der anderen Filme.“ Tatsächlich geht eine Tür auf, eine Tapetentür genauer gesagt. In Hochhäuslers „Eine Minute Dunkel“ sieht man sie von innen, in Petzolds „Etwas Besseres als den Tod“ von außen. Es ist die Tapetentür des „Totenzimmers“ in einem Krankenhaus. Der wegen Mordes zu langer Haft verurteilte Frank Molesch (Stefan Kurt) nimmt hier Abschied von seiner verstorbenen Mutter. Ahnungslos öffnet in Petzolds Film der Zivildienstleistende diese Tür, durch die Molesch, dessen Flucht Hochhäuslers Film nachzeichnet, dann entkommt. Es gibt im Verlauf weitere Berührungen, dennoch bewegen sich die Filme auf sehr eigenen Bahnen. Für Christoph Hochhäusler hat das Wissen um die Anwesenheit der anderen Filme dennoch seinen besonderen Reiz: „Aus einem Ort, den man gerade noch als romantischen Schauplatz kennengelernt hat, wird plötzlich eine Bühne der Angst.“

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren