Berlinale 2016

„Remainder“ von Omer Fast

Omer fast, der mit „Remainder“ den Schritt von der Bildenden Kunst ins Kino vollzieht, ist auf dieser Berlinale auch noch im Forum ?Expanded vertreten, also in der Reihe, die programatisch bestreitet, dass dieser Schritt erforderlich ist: Continuity beschäftigt sich mit den Erfahrungen einer deutschen Familie mit dem Afghanistankrieg, und lief zuvor schon auf einer Kunstausstellung, der Documenta 13, dort in einer Holzhütte.

Über den Unfall selbst kann ich wenig sagen. Fast nichts. Etwas fiel vom Himmel, damit hatte es zu tun. Technologie. Teile, Bruchstücke. Und das ist auch schon alles.“ So beginnt der 2005 erschienene Debütroman des Briten Tom McCarthy, dem von seinen Kollegen und Kolleginnen höchstes Lob zuteil wurde. „Einer der wichtigsten englischen Romane der letzten zehn Jahre“ schrieb Zadie Smith in der New York Review of Books und Joyce Carol Oates nannte ihn „eine beißende post-existentialistische Parabel.“
Um „8 Ѕ Millionen“ (so der Titel der deutschen Übersetzung) Pfund ist der Protagonist Tom reicher, nachdem ihm in der Londoner City eines Tages ein Metallteil auf den Kopf fällt, wodurch er sein Gedächtnis verliert. Dafür verlangt das Unternehmen, das ihm diese Summe zahlt, absolutes Stillschweigen. Kein Problem, wenn man sich sowieso an nichts erinnert.
So heuert der Ich-Erzähler von dem Geld eine Reihe von Menschen an, die ihm helfen sollen, seine Vergangenheit zu rekonstruieren, indem er mit ihnen sein Leben und seine Wahrheit inszeniert – was der Film in eine Reihe von absurd wirkenden Tableaus übersetzt. Aber da gibt es auch noch eine attraktive Amerikanerin, die behauptet, sie sei mit ihm zusammen gewesen, und zwei korrupte Polizisten, die ihn verdächtigen, die Beute eines Banküberfalls zu besitzen.
„Das Buch hat viel mit meiner Arbeit zu tun“, antwortet Omer Fast auf die Frage, was ihn an dem Roman fasziniert habe. „Ich arbeite sehr oft in dieser Lücke, die entsteht, wenn man eine sehr intensive Erfahrung hatte. Für mich ist diese Lücke sehr interessant, weil sie eine offene Stelle markiert und die Suche nach Erinnerungen, nach der Vergangenheit, der Identität, ist als Stoff sehr reich. Ebenso die Parallele zum künstlerischen Prozess, etwa wenn Tom kleine Welten erschafft, die zwar am Anfang sehr banal, aber auch absurd sind. Sie erzählen auch, wie wir als Menschen in der Gesellschaft funktionieren, das fand ich sehr reich, interessant und auch komisch. Tom ist besessen, Dinge zu rekreieren, dabei agiert er wie ein Diktator und wie ein kleiner Produzent.“
Fast, 1972 in Jerusalem geboren, studierte in den USA und war mit seiner Videokunst bereits auf zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten, wo er mehrfach preisgekrönt wurde, 2012 präsentierte er eine Videoperformance auf der Documenta.
Ende 2009 las Fast McCarthys Roman und kontaktierte daraufhin den Autor, den er bei einer Ausstellungseröffnung in London kennen gelernt hatte. Die Rechte waren allerdings schon vergeben. Zwar lud ihn die Produktionsfirma zu einem Gespräch ein, entschied sich aber schließlich gegen ihn. Als die Rechte dann zu einer anderen Firma wechselten, informierte ihn McCarthy, dem Fast seine Vision plausibel machen konnte.
Dazu gehört auch, dass er den Roman nicht 1:1 auf die Leinwand übersetzen wollte. „Das Buch hat eine lineare Erzählung“, so Fast. „Es gibt zu Beginn den Unfall und am Ende einen Überfall, von dem er zu fliehen versucht. Schließlich befindet er sich in einem Flugzeug, die Behörden fordern ihn auf zurückzufliegen, er hat eine Waffe, das Flugzeug fliegt eine Schleife. Dieses Möbiusband habe ich als Motiv genommen und es in die Erzählstruktur übernommen: Bei uns gibt es am Anfang den Unfall, am Ende gibt es den gleichen Unfall, wir befinden uns in einer Art Kreis, genau wie der Protagonist, das ist für uns hoffentlich so überraschend und erleuchtend, wie es auch für ihn ist.“
Nur das Drehbuch zu verfilmen, interessiert mich nicht so, vielmehr das Ganze als Prozess ab und zu ein wenig offen zu halten, damit wir wirklich kreativ arbeiten können“ sagt Fast über seine Arbeit an dem Film, der als britisch-deutsche Koproduktion entstanden ist: Die ersten 20 von 120 Szenen nach dem Unfall spielen an Toms Krankenbett, gedreht wurden sie im Frühjahr 2014 in einem ehemaligen Krankenhaus, das idyllisch und von viel Grün umgeben am Berliner Wannsee liegt. An der Finanzierung der britisch-deutschen Koproduktion waren sowohl die deutsche Filmförderung (neben dem Medienboard auch die Filmförderung Hamburg, wo die Postproduktion stattfand) als auch kunstaffine Privatinvestoren beteiligt.
Auf den Unterschied zu seinen Installationen angesprochen, antwortet Fast: „Das ist sehr anders – ich bin trainiert, um 400 Meter zu laufen und plötzlich befinde ich mich bei einem Marathon. Die tägliche Erfahrung am Set ist schon ähnlich, aber ich bin weniger frei – als freischaffender Künstler habe ich die Möglichkeit, meine Meinung zehnmal zu ändern. Hier ist das sehr viel strukturierter, der Druck ist höher, auch die Struktur unterscheidet sich, aber die Art, Bilder zu erschaffen, ist nicht dramatisch anders.“  

Text: Frank Arnold

Foto: Piffl Medien

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