Berlinale 2016

Revolution und Schulbildung

Corbo

Sind sie gefälliger geworden, die Filme, die in diesem Jahr das Programm der 14plus-Filme der Sektion Generation ausmachen? Auf den ersten Blick könnte man das denken, denn das Verstörende ihrer Geschichten wird oft nicht explizit bebildert, vielmehr der Fantasie des Zuschauers anheimgestellt: Bevor in „Corbo“ (Foto) eine Bombe in einem Büro explodiert, friert das Bild einer hereinkommenden Frau kurz ein, nach der Explosion sieht man dann den Zeitungsartikel, der von ihrem Tod bei dem Anschlag berichtet.
„Corbo“ ist ein Film, der eine (wahre) historische Geschichte erzählt und zugleich von der Gegenwärtigkeit der Geschichte handelt. Sein Protagonist ist der 16-jährige Jean Corbo, der anno 1966 mit der Unabhängigkeits­bestrebung der französischen Bevölkerung der kanadischen Provinz Quebec sympathisiert und durch eine junge Frau in die Aktivitäten einer Untergrundgruppe involviert wird. Vom nächtlichen Parolenpinseln an Hauswänden führt der Weg zum Legen einer Bombe für die selbst ernannte Avantgarde des Proletariats, die sich – wie später auch die Mitglieder der RAF – einredet, die Revolution stünde unmittelbar bevor. Dass Corbo väterlicherseits von italienischen Einwanderern abstammt und sein Vater vom Wandel durch Integration spricht, spitzt die Suche nach der eigenen Identität noch zu.
In die unmittelbare Gegenwart globaler Konflikte zieht die kanadisch-afghanische Koproduktion „Mina Walking“ den Zuschauer. Die 12-jährige Mina muss sich um ihren senilen Großvater kümmern, unterstützt die Familie als Straßenhändlerin und versucht gleichzeitig, gegen den Willen ihres drogenabhängigen Vaters, eine Schulbildung zu bekommen. Als sie dem Druck des Mannes, der den Straßenhandel kontrolliert, nicht mehr länger nachgeben will, fasst sie einen folgenschweren Entschluss. Eine mobile ­Kamera, hautnah dran an den Personen, unterstreicht das ­Unausweichliche der auf wenige Tage konzentrierten Geschichte.
Danach wirkt der argentinische Film „El Guri“ („The Kid“) eher privat, mit seiner unaufgeregten Erzählweise, die nüchtern-dokumentarisch registriert. Die Zusammenhänge zwischen den Personen erschließen sich erst nach und nach. Warum ist die Mutter des zehnjährigen Gonzalo plötzlich fortgegangen und überlässt ihm die Fürsorge für seine Großmutter und seine acht Monate alte Schwester? Was haben die Tierärztin und ihr Mann damit zu tun, was der Kneipenbesitzer Felipe und welche Rolle wird die in dem kleinen Ort gestrandete junge Frau übernehmen?

Text: Frank Arnold

Foto: TIFF

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