Berlinale 2016

Rezension zu „Alone in Berlin“

Hans Falladas großartiger Roman „Jeder stirbt für sich allein“ erschien erstmals 1947 im Ostberliner Aufbau-Verlag in einer gekürzten Fassung und war danach lange nur noch Spezialisten bekannt. Erst im Jahr 2009, nachdem der Roman erstmals ins Englische übersetzt worden war, kam es zu einer Wiederentdeckung. Das erste Buch eines nicht-emigrierten Autors über den nationalsozialistischen Widerstand wurde in den USA, Großbritannien, Israel und Frankreich zum Bestseller.
Auch die Verfilmung soll unbedingt ein internationaler Erfolg werden. Das legt nicht nur die Tatsache nahe, dass sie eine deutsch-französisch-britische Koproduktion in der Regie des Schweizers Vincent Perez ist. Sondern auch, dass Emma Thompson die Hauptrolle der Anna Quangel spielt und Brendan Gleeson ihren Ehemann Otto. Zwei herausragende Charakterdarsteller, die ihr eigenes Publikum ziehen. Und die flankiert werden von einem Stab deutscher Schauspieler, unter denen Daniel Brühl als Kommissar Escherich der prominenteste ist.
Escherich hat die Aufgabe, herauszufinden, wer die Postkarten schreibt, die in den Hausfluren von öffentlichen Berliner Gebäuden gefunden werden. „Stoppt die Kriegsmaschine“ steht auf ihnen oder „Tötet Hitler“. Hochverrat, den Schreibern droht die Todesstrafe.
Die Verfasser der Karten sind das Ehepaar Quangel, einfache Leute, Mitläufer des NS-Regimes, bis ihre Sohn 1940 in Frankreich fällt. Nun erkennen sie Hitlers Lügen und wollen mit ihren Botschaften andere Menschen aufrütteln. Eine unaufgeregte, aber sehr eindringliche Geschichte, die auf dem authentischen Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel basiert.
Wie Anna und Otto Quangel sich langsam zu Widerständlern entwickeln, ihre Angst verlieren, Mut gewinnen und ihre Zuneigung zueinander immer stärker wird – das entwickeln die beiden Hauptdarsteller vor allem in den kammerspielartigen Szenen in ihrer kleinen Wohnung. Doch alles drumherum ist schrecklich holzschnittartig: Die frisch gebügelten Hackenkreuzfahnen, die von allen Häusern hängen. Die kulissenhaften Trümmer. Die viel zu großen Mäntel der Milchgesicht-Kommissare. Das neu hinzuerfundene Schlussbild. Das alles wirkt aufgesetzt, überdeutlich.
Hinzu kommt: Alle Akteure sprechen Englisch, auch die deutschen, und das teilweise recht hölzern. Was „Alone in Berlin“ noch ungelenker wirken lässt. Der Film schielt allzu deutlich auf einen großen internationalen Markt und vergisst darüber leider die sorgfältige Arbeit am Detail.

Text: Stefanie Dörre

Foto: X-Filme Creative Pool

Alone in Berlin (Jeder stirbt für sich allein), Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2016, 103 Min., R. Vincent Perez, D. Emma Thompson (Anna Quangel), Brendan Gleeson (Otto Quangel), Daniel Brühl (Kommissar Escherich)

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