Berlinale 2016

„Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler im Wettbewerb

Die Schlafkrankheit

Der Umgang der so genannten Ersten Welt mit der gebrandmarkten Dritten ist naturgemäß prekär.  Wohin fließen die Spenden und Entwicklungshilfegelder? Vor allem in die Taschen der Elite? Wie paternalistisch soll, darf, muss Europa agieren? Oder will man der Marktwirtschaft tatsächlich freien Lauf lassen? Urich Köhler riskiert mit seinem politisch und ästhetisch nuancierten, autobiografisch getönten dritten Spielfilm einiges: Sein in Kamerun gedrehtes Werk erzählt von einem sich zwischen den Kulturen verlierenden Arzt (Pierre Bokma) und einem jungen Schwarzen, der das stagnierende medizinische Hilfsprojekt seines Kollegen evaluieren soll. Man sieht zwar deutlich, welche filmischen Quellen Köhler nahe liegen – vor allem die fragmentarischen Afrikastudien der Französin Claire Denis und die surrealen Ansichten aus dem Thai-Dschungelbuch des großen Apichatpong Weerasethakul sind als Ausgangspunkte evident –, aber es gehört auch einiges dazu, sich an solche Vorgaben überhaupt zu wagen (und an ihnen nicht augenblicklich zu scheitern).
„Schlafkrankheit“ ist ein planvoll sprödes Unterfangen, das sein Publikum emotional auf Distanz hält, aber intellektuell und sinnlich bestrickt. Die avancierte Fotografie (Kamera: Patrick Orth)  und das sehr plastische Sound-Design (Tobias Peper) definieren Köhlers Reise von der Nacht zum Tag zurück zur Nacht: ein  zwischen Finsternis und Lichtdurchflutung, zwischen Wissenschaft und Aberglauben changierendes Drama. „Schlafkrankheit“ ist ein äußerst reflexiver Film über den (ratlosen) europäischen Blick auf Afrika, über Stereotyp und Wirklichkeit – und darüber, wie das eine unentwegt ins andere spielt: wie Vorurteile zur Lebensrealität gerinnen und die Fakten zu Klischees.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehr sehenswert

Schlafkrankheit (Deutschland/Frankreich 2011); Regie: Ulrich Köhler; Darsteller: Pierre Bokma (Ebbo Velten), Jean-Christophe Folly (Alex Nzila), Jenny Schilly (Vera Velten), Hippolyte Girardot (Gaspard Signac); 91 Minuten

Schlafkrankheit (Wettbewerb)
13.02., 09.30, Friedrichstadtpalast
13.02., 17.30, Urania
13.02., 22.30, International

Die Filmkritiken aller bereits gezeigten Wettbewerbsfilme in der Konkurrenz finden Sie in unserem Archiv:
Unser Berlinale-Archiv 2011

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