Berlinale 2016

Schwul-lesbische Filme bei der Berlinale 2011

Die Jungs vom Bahnhof Zoo

Gus Van Sant stand vergangenes Jahr im Rampenlicht mit seinem Biopic über Harvey Milk, Lichtgestalt der Schwulenbewegung. In „Howl“ verteidigt Hollywoodstar James Franco als Alan Ginsberg seine Freiheit, schwule Erotik auszumalen. Und bei den Oscars geht jetzt ein Film über ein lesbisches Elternpaar ins Rennen. Queer Cinema und Mainstream sind zuletzt offenbar näher zusammengerückt. Eine Tendenz, die Freispieler wie Bruce LaBruce darin beflügelt, seinen Kurs auf der Außenspur demonstrativ zu halten – provokanten Wildstyle gegen schleichende Saturiertheit zu setzen. „The Advocate for Fagdom“ würdigt den sarkastischen „Homocore“-Pionier aus Kanada, der es bis heute schafft, aus den Spielplänen von Festivals verbannt zu werden, zuletzt mit „L.A. ­Zombie“, einem Reigen aus Gore-Movie, schwulem Porno und Kunstfilm. Nicht ohne Stolz berichtet der Regisseur von Sitzreihen, die sich während seiner blut- und spermagetränkten Bilder reihenweise lichten. Namhafte Fans, darunter Gus Van Sant, kommen zu Wort, schätzen den harschen Humor und die unbedingte Freiheit des LaBruce-Kinos. Sexy Untote als wahre Heilsbringer, die Todesopfer zurück ins Leben kopulieren? Auch John Waters hat ein feines Schmunzeln auf den Lippen, wenn er über den Geistesverwandten spricht – und dessen wilder Feier des „outcast of society“.
House Of Shame/Chantal All Night LongLaBruce ist nicht der einzige glorreiche Misfit, von dem auf der Berlinale ein Film erzählt. „The Ballad of Genesis and Lady Jaye“ über New Yorks Underground-Ikone Genesis P-Orridge und seine physische Wandlung zum pandrogynen Kunstgeschöpf nimmt den Lo-Fi-Spirit von Punk auf. Statt in vollgepackten Protopunkläden wie einst trifft man den Psychic-TV-Frontmann heute öfter als Redner vor Kunststudenten an.
Der Einzug in Vorlesungssäle ist hingegen eher unwahrscheinlich im Falle von Chantal, Underground-Ikone und Party-Host in Berlin. Dem Transsexuellen und Veteranen des Nachtlebens gilt die bildpralle Doku „House Of Shame/Chantal All Night Long“, die Regisseurin J. Jackie Baier in Folge einer über viele Jahre gesammelten fotografischen Serie über Berlins Dragszene rund um Chantals berühmten Club drehte. Nebenbei erzählt der Film von der Ausstrahlungskraft, die Westberlin in den Achtzigern ausübte, von jugendlicher Revolte gegen beengte Lebensmodelle und von der prekären Grenze, an der sich Leute wie Chantal bewegen, die sich 17 Jahre lang auf Berlins Transenstrich durchschlug.
The Advocate Of FagdomDer Härte des Geschäfts auf dem Schwulenstrich gilt auch Rosa von Praunheims neuer Film, der zu den eindringlichsten des Panoramas zählt. In „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ begibt sich der Berliner Filmautor an den legendär berüchtigten Umschlagplatz für Lust, Geld und unerfüllte Sehnsüchte und erzählt die Geschichten von fünf Jungs aus der Stricherszene, in der zurzeit vor allem junge Roma anzutreffen sind. Wie so oft gelingt es von Praunheim, ungewöhnliche Nähe herzustellen und so sehr persönliche Porträts von Menschen zu zeichnen. Wenn der Regisseur einem der jungen Männer in sein Heimatdorf nach Rumänien folgt, wenn er außerdem deutsche Freier befragt, Heimleiter und Streetworker, dann knüpft er gleichzeitig einen schlüssigen Kontext, der die gesellschaftliche Dynamik zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen aufzeigt.

Text: Ulrike Rechel

The Advocate for Fagdom (Panorama)
14.2., 20.00, CineStar 7
15.2., 22.30, CineStar 7
17.2., 15.30, Colosseum 1

House of Shame / Chantal All Night Long (Panorama)
17.2., 17.00, International;
18.2., 14.30, CineStar 7;
19.2., 22.30, CineStar 7

Die Jungs vom Bahnhof Zoo (Panorama)
15.2., 17.00, CineStar 7;
16.2., 22.30, CineStar 7;
18.2., 15.30, Colosseum 1

25. Teddy Award Jubiläumsgala (mit Ennio, Jochen Kowalski, Romy Haag, The Hidden Cameras, Ades Zabel & Company u.a.), 18.2., 21 Uhr, Flughafen Tempelhof

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