Berlinale 2016

„Ten no chasuke“ von Sabu im Wettbewerb

Die Stimme Gottes dröhnt: „Avantgarde!“. Sofort herrscht große Aufruhr im Himmel, die fleißigen Autoren lassen von den langen Pergamentrollen ab, auf denen sie fortwährend das Schicksal jedes einzelnen Menschen aufzeichnen. Das göttliche Drehbuch, nach dem sich alles Leben auf Erden ordnet. Was will der Schöpfer plötzlich, mehr Spannung, exotische Szenarien? Auch Yuris (Ito Ohno) Himmelsschreiber ist verwirrt, doch das Schicksal der stummen jungen Frau aus Okinawa ist besiegelt, heute noch soll sie sterben. Als Chasuke (Ken’ichi Matsuyama), der im Himmel den Tee serviert, davon erfährt, ist er entsetzt und entscheidet, auf die Erde zurückzukehren und ins ausgemachte Gefüge einzugreifen. Eine gefährliche Idee, mit dem Schicksal sollte man schließlich nicht einfach so herumspielen.
Chasuke entpuppt sich aber trotz anfänglicher Verwirrung als recht patenter Himmelsbote, zudem bekommt er von einigen eingeweihten Schreibern Unterstützung, von ganz oben sozusagen. Deren Figuren, ein gutmütiger Antiquitätenhändler und der Betreiber einer Suppenküche, werden zu treuen Helfern des Engels. Die Rettung Yuris steht an erster Stelle, doch schon bald entdeckt Chasuke seine überirdischen Kräfte und wandelt sich zu einer japanischen Erlöserfigur, die Blinde sehen und Lahme gehen lassen kann. Das sorgt für mächtig Aufregung und Fernsehmoderatoren, Yakuza-Clans und Chasukes Schwester, eine Algen-Expertin, treten auf den Plan.
Regisseur Sabu, wie sich der 1964 geborene Hiroyuki Tanaka nennt seit er einen Yakuza-Killer gleichen Namens gespielt hat, ist in diesem Jahr erstmals im Berlinale-Wettbewerb vertreten, zuvor zeigte er aber immer wieder Filme, darunter seinen Erstling „Dangan Runner“, im Panorama.
„Ten no chasuke“ („Chasuke’s Journey“) ist stellenweise surreal-komisch, vermischt leichtfüßig europäische und asiatische Religion und Philosophie und kann augenblicklich ins Dramatische kippen, nur um die Situation mit Slapstick-Momenten aufzulösen und schließlich in einer esoterischen Sinnsuche und den ganz großen Fragen des Lebens zu münden. Ein heiterer Abschluss des diesjährigen Wettbewerbs, beim Rennen um die Bären dürfte das spirituelle Märchen aber keine Rolle spielen. 

Text: Jacek Slaski

Foto: Bandai Visual, Shochiku and Office Kitano

Bären-Quote:

Termine: Ten no chasuke (Chasuke’s Journey)

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