Berlinale 2016

„Traumfabrik Kabul“ von Sebastian Heidinger

Traumfabrik Kabul

Nur sehr selten macht Saba Sahar einen gelösten, zufriedenen oder gar fröhlichen Eindruck. Meistens ist sie im Stress. Oder angespannt. Oder besorgt. Saba Sahar ist Polizistin, Schauspielerin, Filmregisseurin, Produzentin und eine entschlossene Kämpferin für die Sache der Frauen. Und zwar nicht irgendwo, sondern in Afghanistan, einem der härtesten Pflaster, wenn es um das weibliche Recht auf Selbstbestimmung und Bildung geht. Sahars oft sehr ernstes Gesicht legt beredtes Zeugnis ab von den täglichen Anstrengungen ihres Kampfes.
In einem Land mit etwa 70 Prozent Analphabeten setzt Sahar ihre Filme als Instrument der Aufklärung und Mittel diskursiver Teilhabe ein. Sie zeigt sie an Polizeischulen, organisiert Vorführungen für Frauen, erklärt unermüdlich ihre Beweggründe und macht Mut zur Veränderung, indem sie unbeirrt vorangeht und verändert. Diese Stärke macht hart und hinter die harte Fassade lässt Sahar kaum einmal blicken. So gut wie nichts Privates erfährt man über sie selbst. Doch es liegt nahe, in einer Rollengeschichte voll demütigender weiblicher Gewalterfahrung, die sie einer ihrer Darstellerinnen gegenüber ausführt, Sahars persönlichen Werdegang zu vermuten.
Wie in seinem dffb-Abschlussfilm „Drifter“ – der Eindrücke aus dem Leben dreier junger Drogensüchtiger am Berliner Bahnhof Zoo einfing und der bei der Berlinale 2008 mit dem Preis „Dialogue en perspective“ ausgezeichnet wurde – enthält sich Sebastian Heidinger auch in „Traumfabrik Kabul“ jedes Kommentars und jeder Erläuterung. Stattdessen montiert er immer wieder beinahe unvermittelt Szenen aus Sahars actiongeladenen Melodramen an Aufnahmen ihrer alltäglichen Arbeit und macht so die Grenzen durchlässig zwischen dem utopischen Impetus der Filme und der Lebensrealität der Filmemacherin.
Am Ende steht eine Szene, in der alle Grimmigkeit aus dem Gesicht der Frau gewichen ist: Sie blickt entspannt aufs Wasser, ihre kleine Tochter auf dem Arm. Am Himmel dröhnen Kampfflugzeuge. Nicht nur an dieser Stelle wird man ganz beiläufig daran erinnert, dass Afghanistan ein Land ist, in dem auch noch an vielen anderen Fronten Krieg herrscht.

Text: Alexandra Seitz

Traumfabrik Kabul (Forum)
12.2., 22.00, Delphi
13.2., 17.00, CineStar 8
16.2., 20.00, Cubix 9
19.2., 20.00, Colosseum 1

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