Berlinale 2016

„The Turin Horse“ im Wettbewerb der Berlinale 2011

The Torino Horse

Im Januar 1889 soll Nietzsche in Turin weinend ein misshandeltes Pferd umarmt haben. Danach soll er zusammen gebrochen und endgültig den Verstand verloren haben. Diese Geschichte über den Philosophen ist der Ausgangspunkt für den neuen Film des ungarischen Regisseurs Bйla Tarr.
„The Turin Horse“ zeigt sechs Tage aus dem Leben der Besitzer des Pferdes, einem alten und kranken Kutscher und dessen Tochter. Die beiden leben in einem kargen Steinhaus mitten in einer ebenso kargen Landschaft. Sie haben nichts außer dem Pferd, einem Brunnen vor dem Haus, Schnaps zum Frühstück und eine Kartoffel für jeden zum Abendessen. Über zwei Stunden pfeift, rauscht, tobt und heult in diesem Film der Wind. Das laute Tosen des Sturms setzt sich im Kopf fest, es ist beinahe unerträglich. Ebenso unerträglich sind die immer gleichen Handlungen der Protagonisten. Wie man es von Tarrs remodernistischem Kino kennt, verharrt die Kamera minutenlang in ein und derselben Einstellung. Gesprochen wird kaum. Schleichend spitzt sich die Katastrophe zu, während Vater und Tochter unbeirrt an ihrer Routine festhalten. Am zweiten Tag weigert sich das Pferd die Kutsche zu ziehen, am dritten hört es auf zu fressen, dann versiegt das Wasser im Brunnen, schließlich gehen die Lampen im Haus kaputt. Am sechsten Tag hat sich der Sturm gelegt. Die Tochter rührt ihre Kartoffel nicht an, dann lässt auch der Vater seine nach nur einem Bissen liegen.
„The Turin Horse“ ist ein anstrengender, ja ein ermüdender Film. Aber das muss so sein. Man sollte nur vorher wissen, worauf man sich einlässt. Die langen Kameraeinstellungen, das Filmen der schwerfälligen und immer gleichen Handlungen in Echtzeit bewirken, dass einem der sinnlose Kampf von Vater und Tochter gegen ihr Leben beinahe körperlich nahe geht. Man kann es kaum noch ertragen, ihnen dabei zuzusehen. Man möchte am liebsten mittendrin aufstehen und das Kino verlassen und diese Hoffnungslosigkeit und stille Verzweiflung hinter sich lassen.

Text: Katharina Wagner

tip-Bewertung: Sehenswert

The Turin Horse (A Torinуi Lу), Ungarn/Deutschland/Frankreich/Schweiz 2011; Regie: Bйla Tarr; Darsteller: Jбnos Derzsi (Ohlsdorfer), Erika Bуk (Ohlsdorfers Tochter), Mihбly Kormos (Bernhard); 146 Minuten

The Turin Horse (Wettbewerb)
16.02., 12.00, Friedrichstadtpalast
16.02., 17.00, Urania
20.02., 15.00, Berlinale Palast

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