Berlinale 2016

„United States of Love“

Großartig war das damals, als die Mauer fiel. Alle feiern. Endlich Freiheit. So war es auch in Polen. Jeder kann plötzlich alles machen, überall hinfahren. Könnte. Das tun die vier Protagonistinnen des Films „Zjednoczone Stany Milosci“ nämlich nicht. Bei ihnen herrscht Katerstimmung. Sie leben ein paar Jahre nach Grenzöffnung weiter in einer Plattenbausiedlung irgendwo in der polnischen Provinz. Und wenn gereist wird, dann nur von ihren Ehemännern. Aber nicht, um die Welt kennenzulernen, sondern um in Deutschland Geld zu verdienen. Und die Frauen bleiben allein zurück.
Eigentlich eine hochinteressante Zeit, die man gute 20 Jahre später mit der richtigen Dosis an Distanz betrachten kann. Könnte. Denn „Zjednoczone Stany Mi?osci“ ist vorsätzlich distanziert. Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und ungestillte Sehnsüchte bilden die Grundstimmung, was sich schon in den kühlen, entsättigten Farben manifestiert. Die Schuldirektorin Iza hat seit Jahren ein unglückliches Verhältnis mit einem Arzt. Marzena träumt vergeblich von einer Karriere als Model. Die Russischlehrerin Renata lebt mit einem Schwarm Vögel zusammen und sucht vergeblich die Nähe ihrer Nachbarin. Agata hat sich in einen Priester verliebt.
Es ist eine typische Erzählform ambitionierter Filmmacher, mehrere Geschichten locker ineinander zu verweben und damit die Assoziationen des Betrachters herauszufordern. Meisterhaft hat das der Film „Body“ von Ma?gorzata Szumowska vorgeführt, die damit im letzten Jahr auf der Berlinale einen Bären gewonnen hat (und in diesem Jahr Jurymitglied ist). Tomasz Wasilewski, Jahrgang 1980 und Absolvent der Filmschule in Lodz war bei Szumowska Regieassistent. Doch ihm gelingt es eben genau nicht, aus den unterschiedlichen Geschichten ein dichtes Story-Netz zu weben. Die Charaktere bleiben trotz der erstklassigen Schauspielerinnen und Schauspieler flach, die Geschichten lassen den Zuschauer – gemessen an den Nöten der Frauen – erstaunlich kalt. Der Film „United States of Love“ verfängt sich unglücklicherweise in derselben Agonie, die er dem Land Polen zu der Zeit zuschreibt.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Tomek Tyndyk, MANANA

Zjednoczone Stany Mi?osci Polen/Schweden 2016, 104 Min., R. Tomasz Wasilewski, D: Julia Kijowska (Agata), Magdalena Cielecka (Iza), Dorota Kolak (Renata)

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