Berlinale 2016

„Unknown Idenitity“ im Wettbewerb

Unknown Identity

Übrigens rechne er mit einer Weltpremiere in Berlin, hatte Produzent Joel Silver am Ende seines Dreh-Besuchs noch mitgeteilt. Na klar. Immerhin gab es lange keinen US-Mainstreamfilm mehr, der die Stadt so prominent ins Zentrum seiner Story rückt. Da rollt man schon mal den roten Teppich aus. Aber dass es gleich im Wettbewerb der Berlinale sein würde, wenngleich außer Konkurrenz?
Diese Aussicht drängte sich vor einem knappen Jahr am Set von „Unknown Identity“ wahrlich nicht auf. Seitens der Verantwortlichen deutete nichts auf filmkünstlerische Ambitionen, aber alles auf ein raffiniertes B-Movie hin. Von der Inspirationsquelle Hitchcock war die Rede, auch an das populäre Subgenre des Liam-Neeson-Rachestreifens („Taken“) konnte man denken. Nach einem Unfall in der feindselig-winterlichen Metropole verliert Neeson Identität und Göttergattin (January Jones) und macht sich auf die Suche nach den Hintermännern.
Vor ein paar Jahren wäre so ein Stoff vermutlich per Express an Mel Gibson gegangen. Heuer tritt Gibson wegen mutmaßlicher Geistes­störung kaum öffentlich auf. Auch nicht im texanischen Austin, wo Mitte März beim South-by-Southwest-Festival „The Beaver“ läuft, in dem ihn Regisseurin Jodie Foster als Schizo besetzte, der traumatisiert via Handpuppe kommuniziert. „The Beaver“ hätte man ganz gerne in Berlin gesehen. Auch „A Dangerous Method“, den Psychoanalyse-Film von David Cronenberg. Oder Neues von Steven Soderbergh, Gus Van Sant, Terrence Malick, Peter Weir. Das Fehlen solcher Namen sagt etwas über den Mangel an genereller Berlinale-Strahlkraft aus.
Unknown IdentityNatürlich ist so ein Programm kein Wunschkonzert – mancher Film mag nicht fertig geschnitten, jener missraten und der nächste logistisch nicht zu integrieren sein. Gründe, warum etwas nicht klappt, finden sich immer. Doch da sich die Berlinale ungebrochen als A-Festival versteht, muss die Frage nach dem zunehmend auffälligen Verbleib von A-Produktionen erlaubt sein. Weltpremieren, denen die Branche seit ihrer Ankündigung entgegenfiebert. „True Grit“ von den Coens zur Eröffnung ist sicher eine feine Wahl, aber nach dem fulminanten US-Start nicht mehr sehr exklusiv. „Margin Call“ mit Kevin Spacey eilt der Ruf eines Independent-„Wall Street“ voraus – aus Sundance, wo der Film neulich seine Uraufführung erlebte, wie auch Miranda Julys „The Future“. Und gegen „The King’s Speech“ mit Oscar-Favorit Colin Firth wäre wenig einzuwenden – wenn er nicht schon bei Festivals in London oder Toronto gelaufen wäre und die Berliner Gala-Aufführung nun nicht einer PR-Preview gliche.
Das Rennen um die interessantesten Wettbewerbsfilme ist hart geworden in Dieter Kosslicks Dienstjahren. Dabei heißt der gefährlichste Rivale der Berlinale vielleicht gar nicht Cannes oder Venedig, sondern Berlin. Mehr als jeder Vorgänger steht Kosslick ständig vor dem Problem, eine kulturell saturierte Metropole bespaßen zu müssen, in der alle fünf Minuten ein Weltstar irgendeine Premiere feiert. Ein Glamour-Wettrüsten um Prominenz, das nicht zu gewinnen ist. Zumal es in die falsche Richtung führt. Sind doch arrivierte Regisseure und nicht etwa Schauspieler zentrale Größen in der Aufmerksamkeitsökonomie der Berlinale. Nichts gibt einem Festival mehr Magie und potentielle Historie als der Moment, in dem sich der Vorhang für ein heiß erwartetes Werk öffnet, das Stunden später als moderner Klassiker oder Katastrophe in die Filmgeschichte eingehen kann. Die Berlinale hat es allerdings schwer bei der Akquise, auch weil kühl rechnende Major-Firmen ihre Prestigeprojekte lieber nach Cannes schicken, wo der globale PR-Effekt ungleich höher ist – oder gleich ganz auf A-Festival-Starts verzichten. Immerhin kostet es leicht ein paar hunderttausend Euro ein Team von Stars über den Atlantik zu fliegen und hier zu bespaßen, die Berlinale aber muss umgekehrt auf das Erscheinen der Prominenz bestehen, und legt auch mal die Daumenschrauben an. Einladungen von Filmen sind an die Bedingung anwesender Stars geknüpft – was Hollywood-Studios immer seltener versprechen wollen, weil im Februar in Los Angeles Oscar-Wahlkampf herrscht und auch große Namen Dauerpräsenz bei offiziösen Gala-Dinners beweisen müssen.
Unknown IdentityFür die Weltpremiere von „Unknown Identity“ galten andere Regeln. Das Ensemble hält mit Bruno Ganz, Stipe Erceg oder Sebastian Koch ohnehin so viele deutsche Cracks parat, dass das Ganze fast als Eigenproduktion durchgehen könnte, zumal Berlin nicht nur Produktionsstandort, sondern Schauplatz war. Anders als im Film explodierte das Adlon bei unserem Setbesuch letztes Jahr zwar leider nicht – pulverisiert wurden später Nachbauten in Babelsberg. Doch Joel Silver, der nach „V for Vendetta“ oder „Speed Racer“ bereits seine vierte Produktion nach Berlin verlegte und üppige Filmförderungsmittel nie lobend zu erwähnen vergisst, kündigte trotzdem einen Thriller an, „bei dem die Leute vor Spannung nicht zum Popcornfuttern kommen werden.“ Auch so kommen Filmfestival und Funfilm zusammen. Bekanntlich wird im Berlinale Palast erst gar kein Popcorn verkauft.

Text: Roland Huschke

Unknown Identity (Wettbewerb, außer Konkurrenz)
18.2., 19.30, Berlinale Palast
19.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
19.2., 20.00, Urania
19.2., 23.00, Friedrichstadtpalast

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