Berlinale 2016

„Victoria“ von Sebastian Schipper im Wettbewerb

Ein dumpfer Beat, Blitze aus dem Stroboskop. Die Spanierin Victoria ist seit kurzem in Berlin und lebt den Mythos der Freiheit, den die internationale Bohиme in den Bars und Kneipen und Keller-Kaschemmen der Metropole installiert hat. Sie ist einsam, sucht Anschluss und gerät im Eingangsbereich eines Clubs an vier Berliner Atzen, die mit Mundwerk und Klamotten an der Türpolitik scheitern. In leidlichem Englisch entspinnt sich ein Gespräch, Victoria zieht mit den Jungs durch den anbrechenden Morgen. Denn diese sind zwar zu „Ghetto“ für den Szene-Schuppen, aber auf ihre prollige Weise durchaus sympathisch. Und doch macht man sich von Anfang an Sorgen, dass dem unbedarften Mädchen etwas zustoßen könnte. Sebastian Schippers „Victoria“ entfaltet wie schon „Absolute Giganten“ einen Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann.  Aus dem trunkenen Gerede der Protagonisten erfahren wir nicht viel von deren jeweiligen Leben; aus ihren Gesten, Blicken und Bewegungen dafür umso mehr. Die Figuren dieser atemlosen, in einem unfreiwilligen Banküberfall endenden Tour-de Force durchs frühmorgendliche Berlin wachsen einem von vornherein ans Herz.
Schipper drehte kongenial zur Handlung ohne Schnitte und ohne fertiges Drehbuch in einer einzigen Nacht. Seine Schauspieler machen „Victoria“ zum Erlebnis, insbesondere Frederick Lau und Laia Costa. Die zarte Romanze, die sich im Chaos zwischen dem prolligen Berliner Jungen und der kultivierten Zugezogenen entspinnt, wird bärenwürdig dargestellt.

Text: Christoph D. Piorkowski

Foto: Senator Film Verleih

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