Berlinale 2016

„Wer wenn nicht wir“ im Wettbewerb

Wer wenn nicht wir

Als Gudrun Ensslin Andreas Baader kennenlernt, lässt sie Bernward immer mehr zurück und, mit zunehmender Radikalisierung, schließlich auch ihr Kind. Ein Dreieck von Intellekt (Ensslin), Anarchie (Baader) und selbstzerstörerischem Bezug auf die NS-geprägte Elterngeneration (Vesper), das als exemplarisch für den damaligen Zeitgeist gelten kann. Das Thema und die Form der Auseinandersetzung, die sich in Andres Veiels Drehbuch zeigte, habe sie von Anfang an spannend gefunden, erklärt Lena Lauzemis. Die Rolle der frühen Ensslin spielen, lange bevor sie die gewaltbereite „Gewissenstäterin“ der RAF und Wortführerin der radikalen Linken wurde. Wie nah kann man als Schauspielerin einer solchen Figur kommen? „Es gibt natürlich nicht die Gudrun Ensslin. Ich habe viel gelesen in den Briefen, die sich Gudrun Ensslin und Bernward Vesper geschrieben haben (‚Notstandsgesetze von Deiner Hand‘), und ihr Schreibstil gefällt mir. Aber es geht nicht darum, Gudrun Ensslin zu zeigen, wie sie war. Andres Veiel macht ja seinen ersten Spielfilm, also ging es darum, eine filmische Übersetzung zu finden, die auf Interpretation basiert. Es entstand bei den Dreharbeiten durch das Drehbuch, die Raumausstattung, wie die Kamera geführt wird, durch Andres Veiel, August Diehl, Alexander Fehling und mich etwas Neues, wo jeder seinen Beitrag geleistet hat. Das ist schön an dieser Arbeit gewesen für mich, dass ich gemerkt habe, dass es eine positive Art von Abhängigkeit gibt, nämlich im Entwickeln miteinander. Dann kommt die Kamera dazu, die Art wie der Dolly geschoben wird, das erzählt schon etwas, was ich gar nicht spielen kann. Das ist ja das Schöne am Kino: dass ich mich als Einzelne gar nicht herausschälen kann, weil so viele Faktoren zusammenkommen, viele Arten von Intelligenz und Fähigkeiten. Dabei entsteht etwas Neues.“
Wer wenn nicht wirIm deutschen Kino gab es schon einige Gudrun Ensslins: In Margarethe von Trottas „Die bleierne Zeit“ (1981) wurde aus Gudrun „Marianne“. Barbara Sukowa als Gudrun/Marianne gab der Mitbegründerin und treibenden Kraft der RAF ein erstes privates Gesicht, wobei der Fokus auf der in Mitleidenschaft gezogenen Familie Ensslin lag. Genrebetonte Filme wie „Baader“ (2002, Regie: Christopher Roth) und „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008, Regie: Uli Edel) nahmen die Typisierung und Mythisierung der historischen Figuren in Kauf, und besonders „Der Baader Meinhof Komplex“ wurde dafür heftig kritisiert.
Gudrun Ensslin, über die ein Gerichtspsychiater einmal sagte, sie denke einen Gedanken unbeirrt zu Ende, „bis vor die Wand“, und sie habe in die Tat umsetzen wollen, was sie letztlich im Pfarrhaus ihrer Eltern gelernt habe, ist bis heute eine archetypische Schlüsselfigur in einem Dickicht der unklaren Zuordnungen und unbeantworteten Fragen. Ein unbeendeter Diskurs, den die diesjährige Berlinale neu beleben könnte.

Text: Iris Depping

Wer wenn nicht wir (Wettbewerb)
17.2., 19.30, Berlinale Palast
18.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
18.2., 18.30, Eva Lichtspiele
18.2., 23.00, Friedrichstadtpalast
19.2., 17.30, Urania

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