Berlinale 2016

„Wer wenn nicht wir“ im Wettbewerb

Wer wenn nicht wir

Da gibt es diese berührende und zugleich lustige Szene in „Yugotrip“, einem Film von Nadya Derado aus dem Jahre 2003: das Gesicht von Lena Lauzemis, hell umsäumt von den Strahlen einer Straßenlaterne. Ein paar Sekunden lang ist sie die halluzinierte Engelserscheinung eines traumatisierten jungen Mannes aus Ex-Jugoslawien. „Das war ein Effekt“, stellt Lena Lauzemis klar. Sachlich, fast nüchtern klingt das. Dann lächelt sie aber doch. Ganz und gar ungeschminkt sitzt sie vor mir. Die Engels-Augen schauen ernst und studieren wachsam das Gegenüber, also mich.
Lena Lauzemis spielt Gudrun Ensslin in Andres Veiels Wettbewerbsbeitrag „Wer wenn nicht wir“. Zugrunde liegt das Buch „Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus“ von Gerd Koenen, das sich mit einer Fülle von Zeitzeugenmaterial, Originalbriefen und Dokumenten auseinandersetzt und familiäre Muster, Zeitphänomene und frühe psychologische Konstellationen der linksradikalen Szene ausführlich beleuchtet. Für Lena Lauzemis ist das nicht der erste Film mit einer Radikalismus-Thematik. 2005 spielte sie unter der Regie von Jutta Brückner in „Hitlerkantate“ ein in Hitler verliebtes BDM-Mädchen. Ein Film, in dem es um die Abgründe faschistischen Fan-Kults geht.
Wer wenn nicht wirNach dieser Rolle, die im ganz rechten Milieu angesiedelt war, spielt sie mit der Figur Gudrun Ensslin nun kurioserweise eine Ikone des Linksradikalismus. „Ganz rechts“ und „ganz links“ haben für Lena Lauzemis ohnehin viel gemeinsam: „Radikalität heißt ja immer, dass man eine andere Perspektive als seine eigene nicht mehr einnehmen kann, dass eine Ideologie von der man überzeugt ist, zum Dogma wird. Man muss immer hinschauen. Vielleicht gehört zum Beispiel der Junge mit der Glatze, den ich auf der Straße sehe, nur zu den Oi!-Skins (Anm. der Redaktion: eine Skinheadgruppe, die sich als antifaschistisch versteht). Entweder ich habe eine Frage an jemanden, oder ich habe keine. Wenn es zu einer einzigen Perspektive wird, dann wird es sehr schnell ungenau.“
Wer wenn nicht wirDass Regisseur Andres Veiel kein Regisseur der einfachen Antworten ist, bewies er bereits 2001 mit seinem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, der den deutschen Terrorismus der 90er-Jahre beleuchtet, indem er die Biografien des RAF-Opfers Alfred Herrhausen und des Terroristen Wolfgang Grams einander gegenüberstellte. In „Wer wenn nicht wir“ begibt sich Veiel nun zurück in die 60er-Jahre, das Jahrzehnt vor der Radikalisierung. Zu dieser Zeit, davon zeugen viele Originalquellen, ist Gudrun Ensslin eine junge Intellektuelle aus bürgerlichem Haus wie viele andere junge Frauen auch. Sie beginnt eine Liebesbeziehung mit Bernward Vesper, dem Sohn des NS-Heimatdichters Gerd Vesper, und bekommt ein Kind. Mit Bernward steigt sie ins Verlagswesen ein und verlegt moderne „linke“ Literatur. Zugleich unterstützt sie Bernward tatkräftig dabei, die völkische Dichtung seines Vaters unter die Leute zu bringen. Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von familiärer Solidarität, Pragmatik und der politischen Aufbruchsstimmung der 60er. Ein widersprüchlicher Aspekt in einer Frauenfigur, die als unbeugsame „Sphinx“ der radikalen Linken in die Geschichte einging. „Es ist eine zeitbezogene Geschichte und gleichzeitig gegenwärtig“, sagt Lauzemis, „sie zeigt, wie drei Menschen erwachsen werden und sich von den Eltern lösen. Menschen, die sich lieben, die sich trennen, die sich fragen, wie sie sich von der Bürgerlichkeit verabschieden und was sie für einen politischen Beitrag leisten können. Sie verhalten sich unterschiedlich und widersprüchlich.“

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