Berlinale 2016

Wim Wenders im Interview

Pina

tip Warum wollten Sie den Bühnenraum in Ihrem Film mit dem 3D-Format auflösen?
Wim Wenders Zwanzig Jahre lang haben Pina und ich über einen möglichen gemeinsamen Film geredet. Das ist immer daran gescheitert, dass ich einfach nicht wusste, wie man das machen könnte. Pina wollte gerne, daß ihre Stücke auf andere Weise aufgehoben wären als nur dadurch, dass sie sie alle immer wieder gespielt hat. 40 Stücke hat sie so am Leben gehalten – halten müssen –, weil es ihre Arbeit nicht mehr gab, wenn sie sie nicht weiter aufführte. Das Tanztheater kann man nicht weitergeben wie Theaterstücke, die aufgeschrieben werden können. Wenn ich mir hätte vorstellen können, wie ich der Lebensfreude, Leichtigkeit, Komplexität ihrer Arbeit mit meinem Handwerk, dem Film, hätte gerecht werden können, hätte ich das sofort getan. Aber bei jeder Begegnung habe ich immer wieder nur aufs Neue mit Bedauern die Achseln hochziehen können und sagen: „Pina, ich weiß nicht, wie’s gehen soll.“

tip Im klassischen Kino ist Ihnen das unmöglich erschienen?
Wim Wenders Auf der Leinwand oder dem Bildschirm wäre immer ein Manko übrig geblieben: Das Element des Tanzes ist der Raum, den sich jeder Tänzer mit jeder Geste und jedem Schritt erobert. Und Pinas Tanztheater handelte vor allem von dem Raum zwischen den Menschen. Aber genau dieses Element war dem Kino nicht zugänglich. Man konnte es simulieren, wie es das Kino seit über hundert Jahren mit tausend Tricks tut. Aber der Raum selbst bleibt immer Illusion. Aber genau in diesen Zwischenraum zwischen Männern und Frauen musste man hinein, um an das Herz von Pinas Arbeit heranzukommen. Diese Tür hat sich mit 3D plötzlich aufgetan. Ein atemberaubendes neues Gelände, das von all den Action- und Animationsfilmen noch nicht einmal annähernd betreten worden ist. Da ist Raum meist nur Attraktion, Kirmes, Geisterbahn. Wir wollten mehr: ein natürliches, unangestrengtes, elegantes Raumgefühl, das die Technik, mit der es hergestellt wird, vergessen lässt.

Pinatip Durch die 3D-Bilder in „Pina“ entsteht eine Art optische Aura zwischen Körperumriss und Raum.
Wim Wenders „Körperlichkeit“, die das A und O von Pinas Arbeit darstellt, ist durch 3D zum ersten Mal im Kino wirklich spürbar. In Pinas Stücken spürt man als Zuschauer den eigenen Körper, aber an dieses Gefühl kam ich mit dem herkömmlichen Film einfach nicht heran. Es gibt in „Pina“ ja Szenen, wo die Tänzer einfach nur vor einem sitzen, während man ihre Gedanken hört. Und allein schon dabei sind sie auf eine andere Art anwesend, als man es je vorher in einem flachen Bild gesehen hätte. Wenn man die Körpersprache so radikal dechiffrieren will, wie Pina dies getan hat, muss man in ihr Element, den Raum, eintauchen können. Da lag der Grund, warum wir den Film in 3D machen wollten – oder mussten.

Interview: Claudia Lenssen

Fotos: Donata Wenders

Pina (Wettbewerb, außer Konkurrenz)
13.2., 19.30, Berlinale Palast
14.2., 14.30, Urania
14.2., 22.00, Urania
18.2., 17.30, Urania

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